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Cassandre-Plakat »Wagon-Bar«, 1932
Der Gallier, die Marke


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Betrachtungen eines Galliers (4):
MehdornAir®
oder Die Unwägbarkeiten höherer Gewalt

Von Didier Bauzière (Frankreich)

Richtig verstanden hatte ich die neuen Geschäftsbedingungen des Luftfahrtunternehmens auf Flughöhe Null schon. Die BahnCard war nicht mehr das Instrument, um sich in den meisten Fällen ganz legal und folglich auch ganz schamlos in den Besitz eines preislichen Vorteils zu setzen.

MehdornAir-Plakat. Gestaltung: Didier Bauzière
MehdornAir-Plakat. Idee und Gestaltung: Didier Bauzière

Jetzt sind es Frühbucher, die den Vorteil haben. Die theoretische Grundlage dieser neuen Tarifstrategie bei MehdornAir® hatte schon Michail Gorbatschow glasklar hervorgehoben: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!« Für Das-zu-spät-Kommen gibt es aber, geplagte Gymnasiasten können davon ein Lied singen, nicht nur in der Welt von Pfeiffer mit drei »f« verschiedene und meist selten vorhersehbare Ursachen. Das liegt nun einmal in der Perfidie unserer Welt begründet.

Mit dem Eintritt in ein bestimmtes Lebensalter – ich, der Gallier, bin jetzt fünfzig - entwickeln wir gemeinhin bestimmte Strategien, um nicht unbedingt zu spät zu kommen. Verspätung wäre, wenn wir nicht gerade Mitterand hießen und sozialistischer Staatspräsident wären, nicht unbedingt ein Zeichen von Seriosität. Aus dieser freiwilligen, durch altersbedingte Einsicht (von Respekt gegenüber den anderen kann in unserer modernen Gesellschaft kaum die Rede sein) geprägten Haltung macht die MehdornAir®, die sich zuweilen auch unter dem irreführenden Namen Deutsche Bahn AG auf dem Markt bewegt, einen absoluten Imperativ: Wer zu spät kommt oder gar gallisch spontan ist, der verliert.

Nach dieser fundamentalen Erkenntnis rief ich die Autowerkstatt an. In mühseligen Verhandlungen erhielt ich einen zehnprozentigen Rabatt auf die Untersuchungs- und Reparaturleistungen an meinem Auto. Zu diesem Entgegenkommen hatte sich die Werkstatt aber nur deshalb verstanden, weil ich die Bereitschaft signalisiert hatte, ein abonnementsähnliches Rechtsverhältnis einzugehen.

Gegen die stolze Kaution von 400 Euro erwischte ich einen der letzten verfügbaren freien Parkplätze in Bahnhofsnähe. Monatliche Miete: 199 Euro. Durch diesen Erfolg mit ungeheuerem Selbstbewusstsein angefüllt, suchte ich meinen Hausarzt auf. Dort erwartete mich allerdings eine kalte Dusche: Ich sollte es nicht übertreiben, meinte dieser, wöchentliche Blutproben und EKGs seien absolut nicht notwendig, und im übrigen würde da die Krankenkasse nicht mitspielen. Es sei denn, er sah mich an und ließ die Dollarzeichen in seinen Augen erkennen, ich würde die Konsultationen als Privatpatient bezahlen.

Spätestens an dieser Stelle begann ich zu erkennen, dass meinen Bestrebungen, das Risiko der höheren Gewalt zu begrenzen, gewisse Grenzen gesetzt waren. Mein listiges Kalkül, der Leser wird es unschwer erkannt haben, bestand nämlich darin, die jeweilige früh und mit kräftiger Ersparnis gebuchte Reise mit der MehdornAir® um jeden Preis anzutreten, denn nur so können wir jeden (Auf-)Preis bei Verspätung oder Rückerstattung ausschließen. Dieses durch die Maslowsche Pyramide diktierte Streben nach Sicherheit fußte auch auf der nüchternen Erkenntnis, dass ich über weitere nachweispflichtige Gründe für Fahrpreisermäßigungen wie zum Beispiel siamesische Quintillinge im Alter von zwei, mitreisende Eltern im Alter von zweihundertdreißig Jahren oder gar Vielflieger-Bonushefte des Deutschen Bundestages nicht verfügte.

Während ich noch über die fatalen Konsequenzen höherer Gewalt nachsann, schlief ich ein und befand mich plötzlich in einem ICE 3 – irgendwo in Deutschland. Schlagartig wurde mir klar, dass ich mich auf der Gewinnerseite befand, denn den zweiten Zugteil hatten wir durch Kupplungsdefekt und nachfolgende Zugtrennung auf einem Unterwegsbahnhof eingebüßt. Wir dagegen rollten noch immer.

In einer ungewohnten Lähmung musste ich mit ansehen, dass sich mir gegenüber, mitten im Abteil 1.  Klasse, ein Klassenkämpfer und Intimfeind der MehdornAir®, der allseits bekannte Eisenbahn-Multiautor Ärisch Breuss demaskierte, zu einem seiner Bücher griff, ich sah noch, dass es sich um seine Abgerissene Bahn handelte und zur Kabine des Triebwagenführers stürmte. Da es bei der MehdornAir® weder gesicherte Cockpits noch Sky-Marshalls gibt, gelang es ihm mühelos bis in das Allerheiligste vorzudringen und dem Triebwagenführer die scharfe Kante seines Buches an die Kehle zu drücken. Dieser konnte noch, bevor er von dem publizistischen Angreifer überwältigt und in den Vorraum geschleift wurde, einen verzweifelten Hilferuf absetzen.

Ich verspürte einen leichten Schwindel, alles verschwamm vor meinen Augen, ich fand mich im Krisenstab der MehdornAir® wieder. Dort hatte man bereits den ganzen Ernst der Situation begriffen. Die Anwesenden, nahezu alles branchenfremde Kaufleute oder Manager, erfasste Panik. Mit dreihundert Stundenkilometern raste der seit der Zugtrennung verbliebene Triebzug auf eine Abzweigstelle mit dem Namen Cassandra Crossing zu, wo der Pirat ganz offensichtlich das entführte Verkehrsmittel in eine Gelddruckerei zu lenken gedachte, um dem Kapitalismus endlich den entscheidenden Schlag zu versetzen.

Auf die Frage des zuständigen Managers, was man tun könne, erwiderte nach einer halben Stunde qualvollen Schweigens der einzige Nicht-Kaufmann im Raum, ein ehemaliger Lokführer, der jetzt für eine Reinigungsfirma arbeitete und die Aschenbecher leerte, dass man doch den Fahrstrom abschalten könne. Der ICE würde so ganz von selbst zum Stehen kommen.

Den Manager, er hatte viele Jahre bei einer anderen Fluggesellschaft gearbeitet, überkam Angst. Von Piloten hatte er gehört, dass bei Ausfall aller Triebwerke ein Flugzeug unweigerlich zuerst in den Sinkflug überging, um dann auf dem Boden zu zerschellen. Aus diesem Blickwinkel war der spontan gemachte Vorschlag eines Betriebsfremden und Laien nicht nur irreal, sondern auch noch sehr gefährlich.

Schweißgebadet kam ich zu mir und stellte fest, dass ich mitten über den bunten Werbeprospekten der MehdornAir® einem Alptraum erlegen war. Wie sich wohl die Manager der Bahn in einer solchen Situation entschieden hätten, begann ich mich zu fragen. Selbst wenn es ihnen nicht gelungen wäre, sich doch noch zu einer Stromabschaltung durchzuringen, wäre kaum etwas passiert, funktionierende Gleisanschlüsse zu Unternehmen sind in Deutschland etwas so Seltenes, so dass die statistische Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, ausgerechnet einer der verbliebenen könnte zu einer Wertpapierdruckerei führen.

Während ich noch dem Traum hinterher sann, fiel mein Blick auf die Kataloge von Lufthansa und Condor. Warum zum Teufel sollte ich eigentlich eine Kopie nehmen – das Original war doch allemal besser. Außerdem hatte ich noch die Worte des Chefs der MehdornAir® im Ohr: Reisen mit einer Länge von mehr als vier Stunden wären unzumutbar. Im Flugzeug, gemeint ist ein richtiges, ist diese Frist im innerdeutschen Verkehr allemal zu unterbieten.

Für Spontan-Reisende sind die manchmal ziemlich luftigen Tarife der Fluggesellschaften allmählich interessanter als jene der MehdornAir®. Dass in solchen Konstellationen höhere Gewalt gerade bei spontanen Reisetätigkeiten zudem weniger auf die Geldbörse durchschlägt, ergibt sich fast von selbst.

Auch ohne Einsatz des einstigen brandenburgischen Landesfürsten Stolpe, der schon mal planmäßige ICE anhalten ließ, um zuzusteigen, ist der Gleichklang zwischen Bundeskanzler und MehdornAir® jetzt schon gut erkennbar: »Beschlossen is beschlossen, ihr könnt mich jetzt nicht mehr feuern, das ist ja das Geile an dem Bahn-Monopol(y) ...«

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