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Cassandre-Plakat »Wagon-Bar«, 1932
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Betrachtungen eines Galliers (5):
Fataler Hang zum Gigantismus
oder Seltsames aus dem Reich der Sachsen nach August und Kurt dem Starken

Von Didier Bauzière (Frankreich)

Pharaonische Projekte wie die Pyramiden von Gizeh verfügten über keine Elektronik, die den Dienst hätte versagen können. Das mag Meister Däniken sehr verdrießen, aber die Pharaonen hatten jedenfalls keine Probleme mit wasserdichten Wartungsverträgen, die auch über ihren Tod hinausreichten.

Irgendwie scheint aber auch unser einstiger Präsident François Mitterand vor allem in seinen letzten Lebensjahren gewissen pharaonischen Versuchungen erlegen zu sein. Diese Schwäche, die die französische Republik Unmengen von Steuergeldern kostete und Scharen von Lesern vergrätzte, rührte bei dem gigantischen Projekt der Bibliothèque Nationale aus der bibliophilen Leidenschaft des sozialistischen Landesvaters her. Legion sind die Pannen der unausgereiften, teilweise im Rahmen selbstverliebter Spielereien von Ingenieuren kreierten technischen Systeme. Warum eigentlich bescheidener, aber effizienter, wenn es doch auch gigantisch geht?

Glücklicherweise haben sich die Dinge ein wenig geändert. Der Blick der Politiker ruht nun auch wieder mehr auf dem ganz pragmatischen Nutzwert der öffentlichen Investitionen und weniger auf dem paraître, dem Erscheinungsbild. Das Geld in den öffentlichen Kassen ist dank des großzügigen Wirtschaftens der Regierung Jospin knapp geworden. Exzessive legislative Regelungen mit nahezu staatssozialistischem Charakter wie beispielsweise das Gesetz über die 35-Stunden-Woche haben viele der wohlwollendsten und der französischen Bürokratie ergebenen Unternehmen außer Landes getrieben.

Nicht nur Lothar und seine Geschwister haben einzigartige Kulturlandschaften (Park von Versailles) verwüstet oder Baudenkmale zerstört. Zu groß ist die Zahl der steingewordenen Erbstücke vergangener Epochen, die unbedingt der Erhaltung bedürfen. Und auch der Laxismus, die sozialistische Politik des »Wir-verstehen-und-dulden-alles« haben dem Schulwesen Herausforderungen beschert, denen nur noch mit Konsequenz und beträchtlichen Kosten beizukommen ist.

Nach 40 Jahren fruchtbringender französisch-deutscher Partnerschaft sitzen unsere beiden Nationen also auch bei sozialen Fragen schon längst in einem Boot. Denn soviel ist unseren beiden Nationen klar: An den sozialen Errungenschaften kann keine Regierung beliebig herumschneiden, ohne langfristige Verwerfungen und eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft zu riskieren. Die intelligente Verwendung der knappen Mittel ist also mehr als jemals zuvor ein Imperativ. Vor allem dann, wenn es sich um Transfermittel handelt.

Die bei uns oft kaum beachtete, weil am östlichen Rand unseres ziemlich eingeengten gallischen Horizonts Europas gelegen, diese sächsische Kulturnation also hat in ihrer glanzvollen Geschichte reiche Erfahrungen sammeln können, als es um das Ausgeben von Geldern ging, die zuvor der meist nichtaristokratischen sächsischen Mehrheit mit mehr oder weniger unschicklichem Nachdruck abgenommen worden waren.

Der Kurfürst von Sachsen und König von Polen, August I., der Starke (auch im Bett, so berichten die Chronisten, war der Herrscher recht umtriebig) machte Dresden zum einzigartigen Elbflorenz, dessen verspielt-majestätische Silhouette von Bernardo Belotto (ein Schüler von Canaletto) für die Ewigkeit festgehalten wurde. Und in seinem künstlerischen Mäzenatentum hätte August I. auch die Anerkennung der UNESCO verdient, wäre da nicht das Blut von vielen Sachsen, welches zum Wohle des Landesvaters vergossen wurde.

Nun ist es aber das Schöne an historischen Personen, daß sie gewissermaßen – die Parallele zu französischen Politikern wie Dumas 1) (politisch verantwortlich, aber juristisch nicht schuldig) ist nicht zu übersehen – unantastbar in unserem kollektiven Geschichtsbewußtsein eingebettet sind.

Aber halt, da war doch noch etwas. Friedrich II., kein Starker, wohl aber ein Großer, neigte schon aus einem gewissen staatstragenden Geiz keinesfalls dazu, vorgefundene Werte zu zerstören. Im Falle des Palais des sächsischen Grafen Heinrich von Brühl indes vergaß er (vorsätzlich) seine Contenance und ließ die Behausung samt Inventar plündern. Zu sehr haßte er die laszive und verschwenderische Art des einstigen königlichen Dieners. Damit wäre endlich das Wort gefallen – Verschwendung. Meist, um noch bei der Geschichte zu bleiben, pflegen sich Herrscher und Staaten eine solche dann zu leisten, wenn sie sich die eigentlich gar nicht leisten dürften.

Gewiß, auch heute ist der Freistaat Sachsen unter den neuen Ländern unseres deutschen Nachbarn die dynamischste Region. Allerdings, wir sollten es nicht vergessen, beruht das heutige Lebensniveau der Sachsen auch auf Leistungen aus dem deutschen Länderfinanzausgleich und, diese Bemerkung sei mir gestattet, auch aus europäischen Geldtöpfen.

Die sächsischen Regierungen der Neuzeit, jene unter dem professoralen Landesfürsten Kurt I. wie auch die gegenwärtig im Amte befindliche unter Georg, lassen von Zeit zu Zeit gewisse Elemente absoluter Herrschaftsformen erkennen. Und um es gleich an einem ganz konkreten Beispiel festzumachen: Gibt es keine besseren Verwendungsmöglichkeiten für das Geld, daß nicht nur die gesamtdeutschen sondern auch die übrigen Europäer erwirtschaftet haben, als eine Universitätskirche wieder aufzubauen?

Sachsen ist – wenigstens zu einem Teil – eine protestantische Region, deren christliches Selbstverständnis vor allem von Luther geprägt wurde (und wie ich hoffe) immer noch geprägt wird. War nicht auch eine gewisse Bescheidenheit, eine gewisse Demut eine der Tugenden des Protestantismus ? Wo aber sind diese Tugenden im Anspruch der sächsischen Staatsregierung zu finden?

Leipzig: Die Paulinerkirche im Frühjahr 1968
Leipzig: Im milden Schein der Abendsonne dämmert die Paulinerkirche im Frühjahr 1968 ihrem staatlich befohlenen Ende entgegen. Aufgenommen wurde dieses Bild vom westlichen Messebesucher aus dem Interhotel, das damals noch Interhotel »Deutschland« hieß. © BAUZIERE

Sie sind nicht zu finden – jedenfalls nicht im Zusammenhang mit den Wiederaufbauplänen der Universitätskirche, präziser gesagt der Paulinerkirche. Sie zierte einst die dem Augustusplatz zugewandte Seite des Gebäudekomplexes der Leipziger Universität. Im Krieg zerstört, stand der Komplex dem antichristlichen politischen System der DDR im Wege, denn Leipzig sollte zu einer sozialistischen Metropole mit Symbolcharakter werden. Symbole standen bei den zwei deutschen Diktaturen stets hoch im Kurs, so daß weder Geld noch Ressourcen gescheut wurden, sie in Szene zu setzen.

Die Sprengung der Kirche 1968 ist dann folgerichtig zu einem Symbol für die Diktatur des Proletariats à la DDR geworden, ein Symbol des Klassenkampfes, wenn man so will. Und genau dieses Symbol muß wieder her – koste es, was es wolle. Von der Paulinerkirche gibt es im Gegensatz zur berühmten Dresdener Frauenkirche keine Mauerreste oder Trümmerhaufen mehr. Der komplette Neubau dürfte, wenn allen Ansprüchen der Denkmalpflege Rechnung getragen werden soll, kaum aus der Portokasse der sächsischen Staatsregierung zu finanzieren sein.

Leipzig: Pelzmoden vom Brühl - um 1968
So hingegen sollte das Leipzig der Neuzeit aussehen - Pelzmoden vom Brühl. Unübersehbares Zeitkolorit bilden die wenigen Autos vor der gesichtlosen Fassade. Letztere besaß durchaus gesamtdeutschen Charakter, denn in diesen Jahren wurde auch noch im Westen in Beton, Stahl und Glas geklotzt. © BAUZIERE

Abgesehen davon, daß sächsische Herrscher immer ein mehr oder weniger gebrochenes Verhältnis zu den elementaren demokratischen Spielregeln hatten, was übrigens auch die Ignoranz gegenüber dem Willen der Stadt Leipzig und ihrer Einwohner erklärt (von den Studenten ganz zu schweigen, die sind eh nur aufmüpfig und haben nichts zu sagen), so machen doch die zu erwartenden finanziellen Dimensionen dieses Symbol-Projektes betroffen.

Sachsen hat während der Jahrhundertflut einen furchtbaren Zoll gezahlt. Gibt es im Freistaat daher vielleicht andere Gotteshäuser, die der Reparatur bedürfen ? Oder: Sind die Universitäten so reich mit öffentlichen Mitteln bedacht, daß die pure Saturiertheit aus den Augen der Studenten spricht?

Ein jeder leiste sich seine Gigantomanie, so er denn kann. »Haben wir noch Geld, Brühl«, fragte einst August III. seinen Minister, der dann auch erwiderte: »Gewiß, Majestät. Majestät brauchen nur zu befehlen.«

Nein, Her Milbradt, nein, so nicht. Wenn schon Ihre eigenen Landeskinder dies hinnehmen, so sollten Sie nicht vergessen, daß es in vielen Städten der alten Bundesrepublik (dort kommt ja ein Teil der Mittel her, die Sie für diese symbolische Gigantomanie einzusetzen gedenken) die finanzielle Lage mehr als kritisch ist.

Solidarität und Hilfe, ja, aber nur dann, wenn es nicht um Symbole, sondern um die Zukunft geht. Denn eines ist sicher : Der Herr wohnt zuerst in unserer Seele und in unserem Herzen, in dem was wir zu tun haben und wie wir es tun. Die Symbolik kommt erst viel später. Wer sie sich doch leisten will, muß hinnehmen, daß seine europäischen Subventionen auf den Prüfstand kommen. Das wäre im Falle Sachsens nicht das erste Mal, und es wäre vielleicht gerade jetzt angebracht.

Hilfesysteme, gleich welcher Art, sind, wenn sie solidarischen Charakter haben, nur für jene gedacht, denen es an finanziellen Mitteln für das normale Leben mangelt. Das ist in Deutschland wie in Frankreich so. Eine Verpflichtung darüber hinaus gibt es nirgendwo, auch nicht im heutigen Sachsen Georgs, des Symbolischen.

1) Gemeint ist der ehemalige sozialistische Minister Roland Dumas, der zusammen mit anderen illustren Spezialisten okkulter Finanzierungssysteme wie Le Floch-Prigent, Alfred Sirven oder Madame Deviers-Joncour im Rahmen der Elf-Affäre angeklagt wurde.

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