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Eisenbahn-Dumjahn online

 


Dumjahn-Nr. 0015768
ISBN-10: 393317810X

Joachim Seyferth:
»
Was bleibt, ist ein technisch perfekter Bildband über die letzten Einsatzjahre des Ost-Schienenbusses, konventionell fotografiert und ganz in Farbe.«

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Bilderbuch oder Bildband?

Herdam, Wolfgang (Hrsg.): Fotomotiv Ferkeltaxi. Wolfgang Herdam Fotoverlag : Gernrode 2001. - Zur Bibliographie.

Man kennt das: Jahrzehntelang verrichtet eine Triebfahrzeug-Baureihe in großer Stückzahl ihre zuverlässigen Dienste und wird gerade deshalb von Eisenbahnfreunden kaum beachtet. Erst wenn der stets negierte Alltag Seltenheitscharakter erhält und die letzten Fahrten vor dem drohenden Schneidbrenner absolviert werden, richtet sich die Aufmerksamkeit auf ein neues (Foto) Objekt, das mit zahlreichen Alterungsspuren und verblaßtem Lack bald Geschichte sein wird.

Im »richtigen Leben« ist das übrigens genauso – insbesondere Künstler jeder Couleur erhalten ihre späte und adäquate Würdigung im besten Fall erst dann, wenn sie bereits im Sterben liegen. Der Wert vieler Menschen und Dinge wird uns eben leider allzu oft erst wirklich bewußt, wenn wir sie verloren haben – unschöne Auswüchse wie die »Leichenfledderei« in der Musikbranche oder eben der jahrzehntelange »Schwanengesang« auf längst verschrottete Dampflokomotiven in der Eisenbahn-Hobbyszene sind die kritisch zu hinterfragenden Folgen.

Ein extremes Beispiel für dieses wohl niemals vergängliche Verhaltensmuster, das selbstverständlich auch mit den kommerziellen Interessen der Verlage verwoben ist, ist der Schienenbus. Das kleine, unscheinbare Eisenbahnfahrzeug wurde zu »Lebzeiten« bestenfalls nicht ernstgenommen, schlimmstenfalls als Verdränger der pittoresken Nebenbahn-Dampfzüge verflucht.

Daß die roten Brummer so manche Zweigstrecke vor der endgültigen Stillegung bewahrten, war für die »dampflastigen« Eisenbahnfreunde natürlich sekundär, denn eine Strecke ohne Dampf kam der individuellen Stillegung gleich und wurde fortan nicht mehr besucht. Erst Jahre und Jahrzehnte später, die mentalen Wunden der letzten planmäßigen Rauchfahne über Deutschlands Schienen waren allmählich vernarbt, richtete sich das ewige Jagdfieber plötzlich auf die einst Verschmähten, was von hauptsächlich drei Faktoren begünstigt wurde: 

Auf der ständigen Suche nach der vermeintlich heilen Welt verkörperten die sogenannten Nebenstrecken noch einen letzten Ruhepol abseits der Dampf-Magistralen und Altbau-Ellok-Hauptbahnen; der Besuch der ländlichen Einsatzgebiete der Schienenbusse kam einem Mini-Urlaub inmitten des immer hektischer werdenden Alltagsgeschäftes gleich. Und nicht nur die immer leerer werdenden Fahrzeuge wurden allmählich reduziert, sondern mit ihnen zusammen gleich ihre Strecken – ein drohender Verlust quasi in Doppeltraktion! Man rief »Der Schienenbus stirbt - es lebe der Schienenbus!« und verpaßte ihm knuffige Beinamen wie »Ferkeltaxi« oder »Roter Brummer« (West-Version) beziehungsweise »Sandmännchen« (Ost-Version). 

Seltsamerweise wurden die armen Triebwagen einerseits von den Pkw mit den Dampflokaufklebern gnadenlos verfolgt, andererseits nostalgieheischend von Schienenbummlern bestiegen, für die die Durchschnittsgeschwindigkeit von 27 km/h eigentlich noch viel zu hoch war. Und zwischen diesen polarisierenden Zaungästen saßen die Eisenbahner mit ihren verbliebenen Stammkunden und wunderten sich. 

So ist es auch kein Wunder, daß rund fünfzehn Jahre nach den ersten Buchveröffentlichungen über den West-Schienenbus nun ein Pendant aus dem Osten vorliegt: »Fotomotiv Ferkeltaxi« aus dem Gernroder Fotoverlag Wolfgang Herdam ist ein opulenter Bildband ausschließlich in Farbe, der für einen Kleinverleger mit hohem logistischen und finanziellen Aufwand erstellt wurde und dem quantitativen Äußeren etablierter Bildband-Formate, beispielsweise aus dem Hause Franckh/Kosmos, mindestens ebenbürtig ist. Denn Druck, Papier und Verarbeitung (laut Impressum »Quedlinburg Druck GmbH«) sind erstklassig und rechtfertigen absolut den Preis dieses Werkes. Bei derartiger Qualität macht es wirklich Freude, das Buch anzublättern und sich vom Inhalt einen ersten Eindruck zu machen. 

Nach dem Vorwort sowie einem Einleitungstext von Dr. Franz Rittig (»Die Zeit der Ferkeltaxen«), der Geschichte, Technik und Fluidum dieser DR-Triebwagen präzis-knapp sowie populär-anschaulich beschreibt, folgt der Bildteil, den Reichsbahn-Kursbuchnummern folgend und »im Uhrzeigersinn rund um die Hauptstadt Berlin« geordnet. Die Bildtexte bieten weitere Informationen zu Fahrzeugen, Aufnahmeort und Einsatzstrecken – Hinweise auf Bildinhalte, die ohnehin überdeutlich zu sehen sind, wirken indes überflüssig und unprofessionell. 

Sehr lobenswert allerdings ist der ausdrücklich vermerkte Verzicht auf die oft üblichen ein oder zwei Seiten Verlags-Eigenwerbung am Schluß des Buches, die sonst nur allzu oft die allmählich gewachsenen Impressionen jäh zerreißen – ähnlich den unpassenden und lauten Werbeeinblendungen nach einem sehr guten Film. Doch jetzt zum Wesentlichen dieses Bandes, den 144 Farbfotos von insgesamt 14 Bildautoren.

Herrlich sind sie anzuschauen, die exzellent reproduzierten Farbaufnahmen der roten und weiß-grünen Triebwägelchen. Da fährt ein Zweiteiler durch blühende Rapsfelder, ein Solo-Fahrzeug posiert vor dem pittoresken Verfall von Ost-Mauern, viele Garnituren verlieren sich in einsamen und (inzwischen) überdimensionierten Bahnhöfen. Formsignale, stillgelegte Wassertürme, Telegraphenmasten und Nebenbahn-Schranken nebst Trabi bilden überwiegend die technische Kulisse, während einsame Seenlandschaften, dörfliche Idylle, prächtige Baumriesen und mitunter ein paar fotogene Wolken einschließlich Sonnenuntergang die Sinneseindrücke von der Natur widerspiegeln. 

Geballte Nebenbahn-Romantik paart sich mit zerbrechlicher Ostalgie, das warme Sonnenlicht der Tagesrandstunden und das kindliche Rot des »Sandmännchens« erzeugt eine Harmonie, die beinahe schon wieder politisch wird: war’s früher wirklich besser und, erschreckender noch, war’s im Osten gar schöner? Herrlich, wie der Rote Blitz über die verkrauteten Gleise entlang einsamer Dörfer schaukelt, herrlich die Wartebuden ohne Graffiti, herrlich das Abbild der Jahreszeiten unter der Strahlkraft meist wolkenlosen Himmels. Ein Bilderbuch-Triebwagen, ein Triebwagen-Bilderbuch.

Und dennoch: Der Glanz der vielen Schönwetter-Aufnahmen und der Glanz des schweren Kunstdruckpapiers vermitteln das Fotomotiv Ferkeltaxi ein wenig einseitig, die konkurrenzlose Präsenz der vielen Schokoladenseiten von Eisenbahn und Landschaft wirkt nach eingehender und mehrmaliger Betrachtung wie ein Zerrbild. Die ausnahmslose heile Welt dieser Aufnahmen gab es schon in der damaligen DDR nicht, die vergeblichen Bemühungen ganzer Propagandaabteilungen bestätigen dies nur.

Aber der Löwenanteil der Bilder dieses Buches wurde von West-Eisenbahnfreunden nach der »Wende« gefertigt und es zeigt sich, daß selbst diese sich keine wiedergewonnenen fotografischen Freiheiten nahmen, sondern auch hier die westorientierte »Schere im Kopf« in den Osten exportierten. So verliert dieses Werk voller Postkartenmotive an Authentizität, erscheint »übergestülpt«, mindestens jedoch einseitig. 

So ist es bezeichnend, daß die wenigen Aufnahmen, die ein Quentchen mehr Glaubwürdigkeit vermitteln, vor der Wiedervereinigung entstanden sind, etwa das stimmungsvolle Regenbild auf Seite 91 oder die Bahnhofsszenen auf den beiden folgenden Seiten – sogar mit Homo sapiens! Denn das fällt nun wirklich auf: bei den vielen Bilderbuchfotos westlicher Prägung fehlen die Menschen oder sind nur als unvermeidliches »Beiwerk« enthalten (Zugpersonal, Bahnsteig-Reisende im Hintergrund). Ist der Osten schon so entvölkert? Oder findet der Ortswechsel tatsächlich nur noch im neuen Vectra auf schlaglochbefreiten Straßen statt? Doch nicht einmal ein einsamer Eisenbahner mit seinem »Sandmännchen« wurde hier formatfüllend ins Bild gesetzt. Scheu vor der eigenen Gattung oder: genügt bei den Eisenbahnfreunden nicht schon die Angst vor der »Wolke vom Dienst«, die uns immer einen so blitzsauberen und langweiligen blauen Himmelhintergrund beschert? Denn neben Menschen fehlt auch das »Wetter«: Bindfaden-Regen, Novembernebel, Tiefschnee, Aprilschauer-Pfützen, Wolkengebirge. Wenn schon ausschließlich Farbe, warum nicht das eine oder andere farbarme und schmutzige Motiv trüber Tage, das förmlich den Geruch von Braunkohleluft atmet? Mehr Osten wagen – die Demokratie ist schon da! 

Eine Spur solch »journalistisch« angehauchter Bilder ist im oben beschriebenen Einleitungstext zu finden (Detailaufnahme, Innenansicht, Nachtaufnahme, Schneetreiben), was durchaus nicht heißen soll, daß diese Fotos allein deshalb schon wirklich gut sind. Wie in den meisten anderen Publikationen der Eisenbahnszene werden solche Aufnahmen auch hier kleinformatiger wiedergegeben, eine ganze Seite wird einem markanten Detail oder einem Stilleben einfach nicht zugestanden. Das Wichtigste, die Kleinigkeiten, haben in diesem Bildband leider keinen Platz: Wo sind sie, die großformatigen Abbildungen der alibihaften Gummipuffer, der Türgriffe und Klappfensterchen, des Führerpultes, der Kupplung, der Deckenbeleuchtung und – der Fahrgäste? Keine einzige Innenaufnahme vom Schülerzug, kein einsamer Fahrgast auf den letzten Kilometern, keine einzige für Eisenbahnfreunde so typische Aussicht von der ersten Sitzreihe aus. Sind die »Fotografen« gar nur mit dem Auto nebenher gefahren? 

Was bleibt, ist ein technisch perfekter Bildband über die letzten Einsatzjahre des Ost-Schienenbusses, konventionell fotografiert und ganz in Farbe. Der noch kleine Verlag im Schlepptau der gut eingeführten Wagner-/Fader-Vorbilder wird mit dieser Ausführungsqualität sicher den berechtigten Erfolg im Markt des etablierten Bildbandformates haben – zu wünschen ist er ihm schon wegen des immensen Produktionsaufwandes solcher Werke. Die Kehrseite dieses Hochglanzes jedoch ist: die bunten Bilder bleiben an der Oberfläche hängen, Schönwetter und Motivwahl verraten den oktroyierenden Import westlicher Sichtweisen – auch aus dem Osten also nichts Neues. 

Gerade nach der sogenannten Wende ist derlei Einseitigkeit bedauerlich; ein wenig mehr fotojournalistische Tiefe und Integration östlicher Seele hätte diesen Bildband, der nun doch nur ein Bilderbuch wurde, inhaltlich reifen lassen. Und außerdem: Obwohl das Objekt der Begierde ‘Ferkeltaxi’ heißt, habe ich im ganzen Buch kein einziges Schwein gesehen.

Joachim Seyferth

© Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Dumjahn Verlages.

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