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Hilberg, Raul: Sonderzüge nach Auschwitz. (Dokumente zur Eisenbahngeschichte, 18) (Dumjahn-Nr. 0002418)
Dumjahn-Nr. 0002418
ISBN-10: 3
921426189
ISBN-13: 9783921426180
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Eberhard Jäckel:
»Daß die Eisenbahn über dieses Kapitel ihrer Geschichte gern schweigt ist kein Einzelfall, hat aber, wie Hilberg schreibt, gute Gründe. Deswegen ist dieses Buch so verdienstvoll. Hier kann man einmal im einzelnen sehen, wie der Vernichtungsapparat funktionierte, und vielleicht sogar erkennen, wie er möglich wurde. Deswegen haben die Leser einen Anspruch auf ein solches Buch, und deswegen verdient es viele Leser.«

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Über den Rezensenten:

Eberhard Jäckel: Umgang mit Vergangenheit. Beiträge zur Geschichte. Stuttgart 1989.

Dr. Eberhard Jäckel, geboren 1929 in Wesermünde, war Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Historischen Instituts der Universität Stuttgart. Er studierte in Göttingen, Tübingen, Freiburg im Breisgau, Florida (USA) und Paris, habilitierte sich in Kiel und war Gastprofessor in Chandigarb (Indien), Oxford (England) und Tel Aviv (Israel). Er ist Mitglied des PEN-Zentrums.

1966 erschien von ihm - wie alle weiteren Werke in der DVA - »Frankreich in Hitlers Europa«, 1980 gab Jäckel, zusammen mit Axel Kuhn, »Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924« heraus. 1981 folgte die erweiterte und überarbeitete Neuausgabe von »Hitlers Weltanschauung«, 1985 »Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg« auf der Grundlage eines internationalen Historikerkongresses in Stuttgart und 1986 »Hitlers Herrschaft - Vollzug einer Weltanschauung«. Eberbard Jäckel ist gemeinsam mit Karl Dietrich Bracher, Theodor Eschenburg und Joachim C. Fest Herausgeber der sechsbändigen »Geschichte der Bundesrepublik Deutschland«.

 


Eine alte Frau aus einem Transport ungarischer Juden nach der Ankunft in Auschwitz im Sommer 1944

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Dumjahn's Bahn-Rezensionen online:
Die Reichsbahn und der Mord
an den europäischen Juden


Hilberg, Raul: Sonderzüge nach Auschwitz. (Dokumente zur Eisenbahngeschichte, 18). Horst-Werner Dumjahn Verlag : Mainz 1981. - Zur Bibliographie.

Am 24. Juni 1941, zwei Tage nach dem Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion, wurden in Garsden im litauischen Grenzgebiet 201 Juden, Männer, Frauen und Kinder und »kommunistenverdächtige« Litauer von deutschen Polizeibehörden erschossen. Damit begann ein in der Geschichte einzigartiger Vorgang, der in der Sprache der Nationalsozialisten die »Endlösung der Judenfrage« genannt wurde.

Es war der Versuch, wie Heinrich Himmler 1943 sagte, »dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen«. Es war der Versuch, möglichst alle Juden zu töten, die man ergreifen konnte, russische und polnische, deutsche und französische, griechische und ungarische, von Norwegen bis Rhodos. Der Vorgang dauerte 1200 Tage, bis Oktober 1944. Im Durchschnitt wurden in dieser Zeit täglich 4250 Juden ermordet, nach einer vorsichtigen Schätzung insgesamt fünf Millionen und einhundert Tausend.


Eine Gruppe jüdischer Häftlinge nach der Ankunft in Auschwitz im Sommer 1944

Wie war das möglich? Seit über vierzig Jahren suchen Forscher auf der ganzen Welt nach einer Antwort auf diese Frage. Viele von ihnen verweisen auf die lange Geschichte des Antisemitismus und Rassismus. Doch wie verlief der Weg von Haßgefühlen zum kaltblütigen Mord? Andere verweisen auf die verantwortlichen Täter, auf Hitler, Himmler, Heydrich und Eichmann. Doch wie konnten so wenige so viele töten? Man kann die Frage, wie es möglich war, auch viel unmittelbarer stellen. Mit welchen Mitteln? Man weiß die Antwort: Mit Maschinenpistolen und Giftgasen. Mit welchen Personen? Mit Angehörigen der SS und der Polizei. Wo? In Rußland und in Polen, später in eigens gebauten Vernichtungslagern.

Doch wer baute sie? Wer lieferte das Gas? Wer verpflegte die Täter? Wer verhaftete die Opfer? Wer brachte sie an die Tötungsplätze? Wer finanzierte das alles? Wenn man einmal sein Entsetzen über das maßlose Verbrechen einen Augenblick lang beiseite schiebt und sich ganz nüchtern den Umfang des Unternehmens vorstellt - Millionen von Ermordeten, Zehntausende von Tätern, sechs Vernichtungslager, dann erkennt man, daß eine riesige Organisation dafür erforderlich war, und zwar mitten im Kriege. Worin bestand sie? Wie war sie beschaffen? Wie funktionierte sie?

Keiner ist diesen Fragen genauer nachgegangen als der amerikanische Professor für Politische Wissenschaften Raul Hilberg. Er ist Jude, wurde 1926 in Wien geboren, entkam dem Mordanschlag, gelangte 1939 in die USA, kam 1945 als amerikanischer Soldat nach Deutschland, und dann wollte er es wissen. Sechzehn Jahre forschte er. 1961 veröffentlichte er ein Buch von fast 800 Seiten, »The Destruction of the European Jews«. Es war kein Buch über die Juden, sagte er. Es war ein Buch über die Leute, die die Juden vernichteten. Es beschrieb die riesige Organisation des Vernichtungsapparates und die Menschen, die ihn bedienten. Ohne die deutsche Bürokratie hätte er nicht funktionieren können. Mehr noch, der Apparat bestand weithin aus der Bürokratie, in vielen Ministerien und Ämtern, ordentlich, tüchtig und wirkungsvoll. Das war das Hauptergebnis des Buches.

Es galt bald in aller Welt als erstklassiges Standardwerk. In Deutschland aber, im Land der Täter, nahmen es nur wenige Spezialisten zur Kenntnis. Dem größeren Publikum blieb es verschlossen. Mehr als zwanzig Jahre lang wurde es nicht übersetzt. Das hat natürlich seinen Grund. Die meisten Deutschen gehen diesem Stück ihrer Geschichte am liebsten aus dem Wege. Für Bücher über den Krieg, auch über Hitler, gibt es einen Markt, für Bücher über den Mord an den Juden nicht. Doch dann fand sich ein kleiner Verlag, Olle und Wolter in Berlin, der endlich 1982 eine deutsche Ausgabe herausbrachte: »Die Vernichtung der europäischen Juden. Die Gesamtgeschichte des Holocaust« (840 Seiten). Seitdem kann man das Buch auch auf deutsch lesen. Aber Presse, Rundfunk und Fernsehen berichteten kaum darüber. Ein Erfolg, gar ein Bestseller wurde es nicht.

Inzwischen hatte Hilberg weitergearbeitet. Er wollte noch mehr wissen. Wer hatte die Juden an die Tötungsplätze gebracht? Gewiß, in der Sowjetunion waren die meisten dort ermordet worden, wo man sie vorgefunden hatte. In Polen waren einige Vernichtungslager nahe bei den Ghettos, die die Deutschen vorher errichtet hatten. Aber wie war es mit all den anderen? Hilberg fand bald heraus, daß mehr als die Hälfte dieser Menschen von der Reichsbahn in die Vernichtungslager befördert worden waren, über zweieinhalb Millionen in nur drei Jahren. Wie war das möglich gewesen?

Darüber mußte es doch Akten geben. Doch in den Dokumenten der Nürnberger Prozesse fand er keines von der Reichsbahn. Aber er fand ein gründliches Buch des ehemaligen Oberreichsbahnrates Eugen Kreidler über »Die Eisenbahnen im Machtbereich der Achsenmächte während des Zweiten Weltkrieges« mit dem Untertitel »Einsatz und Leistung für die Wehrmacht und Kriegswirtschaft«. Doch die Juden waren darin kein einziges Mal erwähnt, obwohl die Reichsbahn doch über zweieinhalb Millionen von ihnen befördert hatte. Da benutzte Hilberg einen Forschungsaufenthalt in Deutschland, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er fand Hilfe bei den Staatsanwälten, die für Strafprozesse ermittelten, von denen übrigens kein einziger stattfand. Doch Hilberg wußte nun mehr und veröffentlichte 1976 eine kleine Untersuchung von 44 Seiten: »The Role of the German Railroads in the Destruction of the Jews«.

Davon gibt es jetzt, genauer: schon seit 1981, eine deutsche Ausgabe: »Sonderzüge nach Auschwitz« (Horst-Werner Dumjahn Verlag, Mainz). Der Titel ist griffig, aber etwas zu eng, denn die Reichsbahn fuhr keineswegs nur nach Auschwitz. Dafür aber ist die deutsche Ausgabe, wie man schon aus den Umfangsangaben sieht, weit mehr als die amerikanische. Der Dumjahn Verlag hat neben der Übersetzung sehr viel eigene Arbeit geleistet und 66, überwiegend faksimilierte Dokumente, 70 historische Fotos sowie 7 Karten hinzugefügt. Der Leitende Oberstaatsanwalt Dr. Adalbert Rückerl, der, bis er kürzlich in den Ruhestand trat, die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltung zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg leitete, stellte viele der Dokumente zur Verfügung und schrieb das Vorwort.


Ein Deportationszug aus Frankreich

So ist ein überaus lesenswertes, ja einzigartiges Buch entstanden. Es ist ein Stück Eisenbahngeschichte und hebt sich doch daraus hervor, weil es nicht allein technische Fragen behandelt, sondern mitten hineinführt in eines der wichtigsten und schauerlichsten Kapitel deutscher und allgemeiner Geschichte. Man begreift nun besser, wie der Massenmord möglich war. Er war auch deswegen möglich, weil die Reichsbahn wie die meisten anderen staatlichen Behörden mitarbeitete. Sie stellte nicht nur die Sonderzüge. Sie kam auch im Preis entgegen: nur Hinfahrt zur Hälfte des Dritteklassetarifs, Leerfahrten nicht berechnet. Die Finanzierung, für die die Juden meist selbst die Mittel aufbringen mußten, ist ein Kapitel bürokratischer Winkelzüge für sich.

Mehr noch: Die meisten Vernichtungslager hatten eigene Gleisanschlüsse, die bis unmittelbar zu den Gaskammern führten. Die Eisenbahn war also ein ganz unentbehrlicher Bestandteil des Vernichtungsapparates. Nicht alle beteiligten Eisenbahner mögen genau gewußt haben, was geschah. Aber sie sahen die Mißhandlungen der SS und konnten sich ausrechnen, daß die Lager gar nicht groß genug waren, um die vielen Transporte aufzunehmen. Doch niemand protestierte, und es gab nicht einmal besondere Geheimhaltungsvorschriften. Die Zusammenarbeit mit dem Reichssicherheitshauptamt, aber auch auf regionaler Ebene funktionierte reibungslos.


Täglich kamen aus allen Richtungen neue Transporte mit Juden in die Vernichtungslager

Daß die Eisenbahn über dieses Kapitel ihrer Geschichte gern schweigt, ist kein Einzelfall, hat aber, wie Hilberg schreibt, gute Gründe. Doch eine Generation später, so fügt er hinzu, geht es nicht mehr um den guten Ruf dieses oder jenes ehemaligen Reichsbahnoberinspektors. »Es handelt sich vielmehr um das eher grundsätzliche Problem der wahren Beschaffenheit Nazi-Deutschlands und darum, welche Lehren man aus seiner Geschichte ziehen kann«. Deswegen ist dieses Buch so verdienstvoll. Das Stillschweigen hilft überhaupt nicht. Aber auch allgemeine Schuldbekenntnisse helfen nicht mehr. Hier kann man einmal im einzelnen sehen, wie der Vernichtungsapparat funktionierte, und vielleicht sogar erkennen, wie er möglich wurde. Deswegen haben die Leser einen Anspruch auf ein solches Buch, und deswegen verdient es viele Leser.

Eberhard Jäckel

Aus: Jahrbuch für Eisenbahnliteratur 2 (1985), S. 37-41. Mainz 1984.

© Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Dumjahn Verlages.

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