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Eisenbahn-Dumjahn online

 


Dumjahn-Nr. 0015916
Ohne ISBN erschienen

Jahresringe (Hrsg.): Zeitzeugnisse 1945-1990, Teil II. Aus der Geschichte eines traditionsreichen ostdeutschen Industriebetriebes. Hennigsdorf 2000 (Dumjahn-Nr. 0015917)
Dumjahn-Nr. 0015917
Ohne ISBN erschienen

Didier Bauziere:
»
Auch wenn es keine Veröffentlichung ist, die unbedingt in den Bücherschrank eines jeden Eisenbahnfreundes gehört, so ist ihre Lektüre doch allen Eisenbahnfreunden und –historikern zu empfehlen, die sich den moderneren Traktionen der Deutschen Reichsbahn der DDR verschrieben haben. In diesem Kontext schließt sie eine große Lücke, war doch der VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke »Hans Beimler« nach der Einstellung des Lokomotivbaus in Babelsberg der einzige inländische Lieferant von Lokomotiven und Triebwagen.«

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Dumjahn's Bahn-Rezensionen online:
Große Leistung: Die LEW-Chronik


Jahresringe (Hrsg.): Zeitzeugnisse 1945-1990, Teil I. Aus der Geschichte eines traditionsreichen ostdeutschen Industriebetriebes. - 1999. 427 S. mit zahlr. Abb. und Tabellen. - 21 x 14,5 cm. Kt. (Verband für Vorruhestand und aktives Alter, Hennigsdorf : Dumjahn-Nr. 0015916) Preis nicht mitgeteilt.

Jahresringe (Hrsg.): Zeitzeugnisse 1945-1990, Teil II. Aus der Geschichte eines traditionsreichen ostdeutschen Industriebetriebes. - 2000. 206 S. mit zahlr. Abb., Zeichnungen (Fahrzeugarchiv) und einem Lageplan. - 21 x 14,5 cm. Kt. (Verband für Vorruhestand und aktives Alter, Hennigsdorf : Dumjahn-Nr. 0015917) Preis nicht mitgeteilt.

Zu beziehen durch: Jahresringe. Verband für Vorruhestand und aktives Alter, Ortsgruppe Hennigsdorf, Rathenaustraße 33, 16761 Hennigsdorf. Telefon und Fax +49 3302 802886

Wenn Veteranen zusammenkommen, dann ist meist von den Schlachten der Vergangenheit die Rede. Was kann also einem Eisenbahnfreund besseres passieren, als das sich eben diese Veteranen ihrer Abenteuer an und auf dem Schienenstrang erinnern und diese dann auch noch in die Form eines Buches gießen. Im vorliegenden Werk füllen die Darstellungen zur Betriebsgeschichte der zuletzt einzigen Lokomotivschmiede der DDR einschließlich detaillierter Beschreibungen der gefertigten Triebfahrzeuge 634 Seiten, die wegen der Broschur allerdings auf zwei Bände verteilt werden mußten. Der Titel »Zeitzeugnisse 1945 – 1990. Aus der Geschichte eines traditionsreichen ostdeutschen Industriebetriebes« ist vergleichsweise bescheiden, beschreibt aber präzise Anspruch und Charakter der Publikation.

Die Liste der Mitglieder des Autorenkollektivs liest sich wie das »Who is who« der Führungsmannschaft des einstigen VEB Lokomotivbau-Elektrotechnische Werke »Hans Beimler« (LEW) in Hennigsdorf. Herausgegeben wurde dieses Werk vom Verband für Vorruhestand und aktives Alter, Land Brandenburg e. V. Pate bei dieser umfangreichen und tiefgehenden Bestandsaufnahme, die sich nicht nur auf die schienengebundenen Erzeugnisse des späteren Kombinatsbetriebes beschränkt, stand Adtranz – DaimlerChrysler Rail Systems GmbH, Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. In den Händen dieser Konzernabteilung lag auch ein wohltuend unauffälliges Lektorat, daß weder die Sprache noch die typischen DDR-Formulierungen in den geschliffenen und zeitgemäßen (westdeutschen) Stil umwandelte. Somit entspricht die vorliegende Arbeit auch in ihrer Form dem im Titel erhobenen Anspruch, Zeitzeugnis zu sein.

Auch wenn es die mit der Gnade westlicher Geburt ausgestatteten heutigen Lektoren, Redakteure und Autoren nicht gerne hören mögen, so zeichneten sich Sachbücher in der DDR stets (Ausnahmen mit unerträglicher politischer Überfrachtung bestätigten die Regel) durch eine methodische und wissenschaftlich exakte Darstellung ab, was durch eine handwerklich sorgfältige (in unserer volatilen Spaßgesellschaft mag man sie altväterlich nennen) Typographie und graphische Gestaltung der Bücher unterstrichen wurde. So fühlte sich der Rezensent auch an das hervorragende Standardwerk »Die Dampflokomotive« aus dem volkseigenen transpress-Verlag erinnert, als er das Inhaltsverzeichnis aufschlug. Verwundern kann dies indes nicht, zeichnet doch ein Techniker als Leiter der Autorengruppe.

Das Werk ist sperrig, und das ist kein Nachteil. Das liegt nicht nur an der manchmal recht eigenartigen Symbiose von marxistisch-leninistischer Weltsicht, an die die Verfasser Jahrzehnte gewöhnt waren, und der heutigen deutschen (offiziellen und an politischen Opportunitäten ausgerichteten) Historiographie. »Es herrschte Niedergeschlagenheit und insbesondere Angst vor den ‘Russen’«, schreiben die Verfasser über das Jahr 1945 (S. 19 f.), » ... ohne die Hilfe der sowjetischen Besatzung wäre es sicher zum völligen Chaos gekommen.« Nur wenige Zeilen weiter stolpert der Leser dann über den Antagonismus zu diesem rosaroten Bild von den Brüdern aus dem Osten – die Demontagen, die natürlich hinreichend kritisiert werden.

Ein anderes Beispiel für die Ambivalenz der Betrachtungen: Als der LEW nämlich daranging, im Rahmen der sozialistischen ökonomischen Integration moderne Triebwagen für die Metrostädte des Ostens zu entwickeln, mangelte es aber in Budapest an Geld und »Prag wurde schnell wieder zur Vernunft gebracht« (S. 150). Leider fehlt hier die notwendige Erklärung, daß die Sowjets im RGW eine imperiale Politik betrieben und durchsetzten, was natürlich die damaligen Leitungskader sehr wohl wußten, aber nicht öffentlich sagen durften.

Diese nicht immer kohärenten Geschichtsbetrachtungen einerseits und eine Unzahl von Detailinformationen über kommerzielle Beziehungen und Strukturen eines Wirtschaftssystem andererseits, das uns fremd ist, verstellen jedoch nicht den Blick auf die Kreativität und die professionelle Meisterschaft der Mitarbeiter dieses volkseigenen Betriebes. Aus der Hand von damaligen Leitungskadern erhält der heutige Leser ein umfangreiches Hintergrundwissen, auch werden begriffliche Klärungen vermittelt, die für die Beschäftigung mit der DDR-(Eisenbahn-) Geschichte dann unerlässlich sind, wenn sich der Betrachter nicht nur auf reine technische und statistische Daten konzentriert. Daß ein volkseigener Betrieb schon durch sein soziales Engagement (Kindergärten, Bibliotheken, kulturelles Sponsoring usw.) gewissermaßen zur zweiten Familie wurde, ist ein von den Autoren durchaus gewollter und folgerichtiger Einblick.

Etwa zweihundert Seiten des ersten Bandes sind den anderen, nicht eisenbahntypischen Produkten des Unternehmens gewidmet, was den betriebsgeschichtlichen Charakter des Werkes unterstreicht. So gesehen ist es eben kein reines Eisenbahnbuch, auch wenn der Teil II ausschließlich Datenblätter, Produktbeschreibungen und technische Zeichnungen von Schienenfahrzeugen enthält. Zu diesen gehören neben den Straßenbahnen aus dem VEB Waggonbau Gotha auch die Obusse aus dem VEB Waggonbau Werdau, für die das Werk in Hennigsdorf die elektrische Ausrüstung lieferte. Nicht immer waren den Fahrzeugen vom LEW der gesamtdeutsche Erfolg der Baureihe 212/243 (S. 38f.) beschieden. Der Nahverkehrstriebzug für die elektrifizierten Strecken der DR, Baureihe 280 (S. 66), oder die für Interessenten im sozialistischen Lager entwickelte Vollbahnlokomotive 211 (~ 25 kV 50 Hz) blieben Einzelgänger.

Ein wenig dektivischen Scharfblick oder aber eine profunde Sachkenntnis muß der Leser schon besitzen, um im besagten Teil II des Werkes die Beschreibung des »DE-Intercitytriebzuges 2000 N für OSE« zu entschlüsseln. Etwas versteckt gibt es im Teil I auf S. 147 f. zu dieser Kooperation mit AEG nähere Informationen. Leider wird die Abkürzung OSE ebensowenig im Abkürzungsverzeichnis (Teil I, S. 421f.) erklärt wie KBVB (Teil II, S. 78). Gerade in diesen Fällen wird das Fehlen eines Sachwortregisters als besonders schmerzlich empfunden. Dem gegenüber erscheinen Definitionsprobleme im Teil II - »Masse ohne Personen« (S. 280) oder »Leermasse« (S. 75) – ebenso unbedeutend wie das Durchbrechen der chronologischen Abfolge der gefertigten Fahrzeuge im Band II: Die Vororttriebzüge für die Budapester Verkehrsbetriebe, erstes Baujahr 1970, werden nach den U-Bahn Doppeltriebwagen (Kleinprofil) für das KBVB (Kombinat Berliner Verkehrsbetriebe), erstes Baujahr 1974, vorgestellt.

Auch wenn es keine Veröffentlichung ist, die unbedingt in den Bücherschrank eines jeden Eisenbahnfreundes gehört, so ist ihre Lektüre doch allen Eisenbahnfreunden und –historikern zu empfehlen, die sich den moderneren Traktionen der Deutschen Reichsbahn der DDR verschrieben haben. In diesem Kontext schließt sie eine große Lücke, war doch der VEB Lokomotivbau-Elektrotechnische Werke »Hans Beimler« nach der Einstellung des Lokomotivbaus in Babelsberg der einzige inländische Lieferant von Lokomotiven und Triebwagen. Vielleicht, so hofft jedenfalls der Rezensent, weitet diese Publikation auch ein wenig den Blick auf die Bedingungen, unter denen die Mitarbeiter des LEW bemerkenswerte Produkte entwickelt haben. Mit dieser Realität hat das Stigma vom unflexiblen und passiven DDR-Bürger nämlich kaum noch etwas zu tun ...

Didier Bauziere, Wattrelos, Frankreich

Nachbemerkung. Über die Arbeit der JAHRESRINGE heißt es in einem Begleitschreiben unter anderem:

Gleich nach der Wende, als immer mehr Arbeitskräfte in den Vorruhestand »geschickt« wurden, haben sich einige Betroffene mit Berlinern zusammengesetzt (kannten sich aus den Vorlesungen, die zu DDR-Zeiten in Hennigsdorf gehalten wurden), um die eintretende Leere (denn wir waren fast alle so um die »55«) sinnvoll auszufüllen. In Hennigsdorf gab es drei große Werke (darunter Stahlwerk und LEW mit je rund 8000 Beschäftigten) von denen einige tausend »nicht mehr benötigt« wurden. Wir fühlten uns aber noch zu jung, um so in den Tag hineinzuleben und nahmen das Angebot, das damals noch über die Betriebsgewerkschaftsleitungen (jetzt Betriebsräte) kam, sehr gerne an. 

Es wurde die Ortsgruppe JAHRESRINGE gegründet, natürlich offiziell mit Wahl des Vorstandes, Erarbeitung einer Satzung usw. Stolz sind wir, daß noch der gleiche Vorstand wie vor 10 Jahren zusammenarbeitet. Unser Motto: »Gemeinsam statt einsam«, durch Hilfe für andere zur Selbsthilfe konnten viele Depressionen abgebaut werden. Theaterbesuche und Kurreisen sowie Reisen ins Inland und Ausland wurden gemeinsam unternommen ...

Wir betreuen die Blutspender im Auftrage des Deutschen Roten Kreuzes. Und im Vorlauf haben wir auf viele gesetzliche Bestimmungen Einfluß genommen, so zum Beispiel auf die Rentenhöhe, die infolge Studiums bei voller Arbeitszeit (in den alten Bundesländern unbekannt) nicht anerkannt werden sollte. Zur Zeit wird eine Patientenverfügung, die auch rechtlich anerkannt wird, mit den Ärzten des Kreises Oranienburg erarbeitet ... 

Denn: Ab 1990 wurden wir mit vielen Problemen, die uns nicht geläufig waren, und in die wir nicht langsam hinein wachsen konnten, fast überschüttet. So konnte der Vorstand der JAHRESRINGE vielen Mitgliedern bei der Bewältigung dieser manchmal unübersehbaren Aufgaben helfen.

Die größte Leistung haben die JAHRESRINGE aber mit der Erarbeitung der LEW-Chronik vollbracht, denn 40 Jahre Geschichte wären unwiederbringlich verloren gegangen. Und: Vieles, was zusammengetragen wurde, konnte aus vielerlei Gründen gar nicht in den Druck aufgenommen werden ...

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