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Köhler, Tilo: Sie werden plaziert! Die Geschichte der MITROPA. Berlin 2002 (Dumjahn-Nr. 0016531)
Dumjahn-Nr. 0016531
ISBN-10: 3887471776

Didier Bauzière:
»
Es ist ein liebenswertes Buch, eines von denen, die man gleich noch einmal aufschlägt und nicht davon lassen kann

Der Autor:
Tilo Köhler, geboren 1955, Kindheit und Jugend in Brandenburg, arbeitete als Hochseefischer, Mitropa-Kellner und Literaturwissenschaft-
ler. Lebt heute als freier Journalist (WDR, FAZ) und Autor (u.a. »Die Stalinallee« und der Roman »Comedian Harmonists«) in Berlin.

Literaturangaben:
1) Gummich,
Karl-Heinz;
Puschmann, Johannes
u.a.: Mitropa zwischen
gestern und morgen.
transpress VEB Verlag für Verkehrswesen : Berlin 1966.

2) Mühl, Albert (Hrsg.):
75 Jahre Mitropa. Die
Geschichte der
Mitteleuropäischen
Schlafwagen- und
Speisewagen-
Aktiengesellschaft.
EK-Verlag : Freiburg 1992.

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Dumjahn's Bahn-Rezensionen online:
Tag und Nacht
Lesenswertes über und zur MITROPA

Köhler, Tilo: Sie werden plaziert! Die Geschichte der MITROPA. Transit Buchverlag : Berlin 2002. - Zur Bibliographie.

Es ist kein Eisenbahnbuch im herkömmlichen Sinne, und die 176 Seiten quellen schon gar nicht über von technischen Details. Ein Nachteil, wie es auf den ersten Blick und in Anbetracht der meist auf Konstruktion und Fahrzeugstatistiken ausgerichteten Monographien zu Lokomotivbaureihen und Wagengattungen scheint. Daß Eisenbahngeschichte weitaus mehr ist als das, daß sie die Sitten, den Zeitgeist, die Kultur vergangener Zeiten beschreibt, gerät in diesen Werken zu einer Nebensache. Soviel zum zweiten Blick.

Geschichte ist meist auch aktive Auseinandersetzung mit unserem eigenen Leben, das ist jedoch meist sehr unbequem. So ist denn auch Eisenbahngeschichte, die unfaßbar ist, einen persönlichen Bezug besitzt und ergo von uns nacherlebt werden kann, ein rares Gut in den Regalen der Buchhändler. Die Editionsprogramme der klassischen Eisenbahnverlage belegen diese fatale Schlußfolgerung, denn diese Form übergreifender Geschichtsbetrachtung findet zwischen Lokomotivlisten, Datenblättern, technischen Zeichnungen und hervorragenden Farbfotos nur selten statt.

Um so bemerkenswerter ist in diesem Kontext der schmale Band eines Mannes, der die MITROPA hautnah aus der Perspektive des Kellners erlebt und ihren Lebensweg in der unterhaltsamen, jedoch reichen Sprache einer geistvollen Plauderei nachzeichnet. Die literarische Meisterschaft, mit der historische Ereignisse, wirtschaftliche und technische Details einerseits mit dem gesellschaftlichen Umfeld mehrerer verschiedener schicksalhafter Epochen deutscher Geschichte anderseits miteinander verwoben werden, erschließt sich freilich erst nach der Lektüre der ersten Absätze, denn der Titel »Sie werden platziert! Die Geschichte der MITROPA« vermittelt nur die vornehme Kühle des Sachbezuges.

Wir betreten die Welt der Speise- und Schlafwagen, in der sich das Personal der Mitteleuropäischen Schlafwagen und Speisewagen A. G. Tag und Nacht um die nicht selten verwöhnte Klientel sorgte, mitten im Ersten Weltkrieg. Fatal nämlich das Gründungsjahr 1916, weil der Gott des Krieges, Mars, dem neuen Unternehmen einen großeuropäischen Anspruch aufdrückte, der nur gewaltsam und gegen den zeitweilig besiegten und somit ausgeschalteten Konkurrenten durchzusetzen war. Dieser, die CIWL, die Internationale Schlafwagengesellschaft erinnerte sich wohl des französischen Sprichwortes, welches da sagt: La vengeance, c’est un plat qui se mange froid. (Die Rache ist ein Gericht, welches kalt genossen wird.)

Die bewirtschafteten Kurse der zwei Kriegsjahre unterlagen nach Versailles einem rapiden Schrumpfungsprozeß. Im Krieg gewonnen, im Frieden verloren. Fortan bestand das Mitteleuropa im Firmennamen aus den Niederlanden, den skandinavischen Ländern, der Tschechoslowakei, Österreich und der Schweiz. Sich gerade in der letzten zu behaupten, und der Autor Tilo Köhler hat guten Grund, dieses herauszustellen, zeugte eben von einem hohen Niveau der rollenden Restaurateure und Hoteliers.

Nach dem Zweiten Krieg sah es für die MITROPA noch düsterer aus, die Schweizer Speisewagen auf der Rhätischen Bahn waren enteignet, aus den Deutschen hatte das Kriegsende nicht nur Schrumpfgermanen, sondern zu allem Überfluß auch noch zwei entzweite Brüder gemacht. Aus der mitteleuropäischen wurde eine osteuropäische, aus der A. G. eine sozialistische Aktiengesellschaft, und was immer auch man sich darunter vorzustellen hatte, der Verfasser erklärt es.

Sie alle kommen an die Reihe – die alten Führungskräfte und die sozialistischen Kader, das Personal mit dem sich zum Ende der DDR immer ausprägenderen Hang zur autoritär-pädagogischen Bearbeitung ihrer Kunden und, wie kann es in einem Dienstleistungsbetrieb auch anders sein, die Klientel. Für die, »lediglich den DDR-Paß in der Tasche, gab es keinen Fetisch um den Fenstertisch, man mußte sich mit dem Anblick abgestorbener Kiefernwälder und verfallener Vorstädte bescheiden, Fichtelberg statt Matterhorn und Klingenthal anstatt Davos ... « (S. 97). Ein wenig der Larmoyanz der Reisenden in jenen Jahren und auch noch danach. Ob jedoch wirklich die Mehrheit der Speisewagengäste statt eines DDR-Personalausweises den begehrten Reisepaß in der Tasche hatte, wäre einer Nachfrage wert.

Nicht alle der verwöhnten Bourgeois und Kapitalisten, die damals die Dienste der MITROPA in Anspruch nahmen, betrachteten das DDR-Geld mit belustigtem Blick (S. 99) oder lasen sich gegenseitig die Speisekarten vor (S. 98), so wie man es mit einer in einem eigenartigen Deutsch abgefaßten Bedienungsanleitung fernöstlicher Videorecorder tut. Wer nämlich von uns damals in der Welt, die den DDR-Kunden der MITROPA verwehrt blieb, etwas herumgekommen war, hatte weitaus Ärgeres vorgesetzt bekommen. Nur Parvenüs bevorzugen eben den Spott für das, was sie nicht kennen.

Aber das sind nur Gedanken am Rande, sie ändern nichts an der Lust, dieses Buch zu lesen, das reich an Blicken hinter die Theken der gastronomischen Versorgungseinheiten ist. Fast wie Auszüge aus dem Werk des deutschen Oberindianers Karl May muten die Paraden an, zu denen sich beispielsweise das Personal des »TOUREX« Zuges auf dem Weg durch das Land der Skipetaren (Rumänien) verstehen mußte, um nicht eine signifikante Dezimierung der mitgeführten Lebensmittelvorräte zu erleiden.

Vielfältig sind auch die angebotenen Bilder und reproduzierten Dokumente. Es ist ein Geschichtsbuch und kein Buch mit Bildgeschichten, deshalb fällt es nicht schwer, sich mit den teilweise kleinformatigen Fotos anzufreunden. Die Farbabbildungen, insofern sie aus der Hemisphäre der sozialistischen MITROPA stammen, haben alle – nota bene – den fahl-rötlichen Touch des Mehrfarbendrucks in der DDR. Ich gestehe, daß ich mich (und in dieser Beziehung bin ich wirklich Franzose) zunächst an dieser schwachen Farbleistung störte und erst durch Horst-Werner DUMJAHN in den richtigen Speisewagen gesetzt wurde ... Wie hatte ich doch immer lauthals gefordert: Geschichte müsse nacherlebbar sein!

Es ist ein liebenswertes Buch, eines von denen, die man gleich noch einmal aufschlägt und nicht davon lassen kann. Es unterscheidet sich wie Tag und Nacht von der sozialistischen Betriebsgeschichte der MITROPA, die 1966 beim transpress Verlag in Ost-Berlin erschien 1) und entsetzlich viele vorgestanzte Begriffshülsen und ideologische Absperrgitter transponierte.

Vielleicht sollte es aber auch nachdenklich stimmen, daß dieses Buch in einem Nicht-Eisenbahnverlag erschienen ist, dabei hätte es so vortrefflich zu der ausgezeichneten Arbeit Dr. Albert Mühls 2) aus dem Hause des Eisenbahnkurier Verlags gepaßt. Wahrscheinlich ist es aber doch so, daß Eisenbahngeschichte als Gesellschafts- und Sittengeschichte zu sperrig ist, weil, um noch etwas in der gastronomischen Welt der MITROPA zu bleiben, die in dem vorliegenden Werk ausgiebig bedient wird, Bildbände und Werke mit technischem Bezug bekömmlicher und leichter zu verdauen sind. Nun denn:  »Sie werden plaziert!«

Didier Bauzière, Wattrelos, Frankreich

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