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Wilfer, René F. (Hrsg.): Das PIKO-Buch. 50 Jahre PIKO Modellbahnen (Dumjahn-Nr. 0012233)
Dumjahn-Nr. 0012233
ISBN-10: 3921590647

Didier Bauzière:
»
Ein durchaus ehrliches und geradliniges Buch, dessen Sprache nicht jene geschliffene und kunstvolle von Literaten, sondern die der Macher, der Macher von gestern und heute ist

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Dumjahn's Bahn-Rezensionen online:
»Komplett neu investieren!«
Das Buch über eine
(ost-)deutsche Modellbahnlegende


Wilfer, René F. (Hrsg.): Das PIKO-Buch. 50 Jahre PIKO Modellbahnen. Verlag René F. Wilfer : Neustadt 1998. - Zur Bibliographie.

Viele Kinder in Frankreich oder Deutschland hatten eine Spielzeugeisenbahn. Gemeint ist natürlich eine Modelleisenbahn. Häufig antworten die Gefragten auch, daß sie von ihren Eltern eine Bahn von »Märklin« oder »JOUEF« geschenkt bekamen. Manchmal fällt die Entgegnung auch ganz kurz aus: Ich hatte eine »Märklin«.

Namen sind Schall und Rauch, Marken sind Zeichen sozialer Verankerung in der Gesellschaft. Wer zum Beispiel die Modelle von »Lemaco« kauft, hat sehr viel Geld, wer zu den »Märklinianern« zählt, leidet bestimmt auch keine Not. Nur die Habenichtse aus der Zone hatten eben eine PIKO-Bahn. Ach, wie einfach und übersichtlich war die deutsch-deutsche Modellbahnwelt einstmals organisiert. Ein jeder pflege seine Klischees und Vorurteile!

Wie wenig solche für unsere Welt typischen Urteilsstrukturen der Realität entsprechen, beweist die Erfolgsgeschichte des einstigen volkseigenen und heute privatisierten Modellbahnherstellers der Deutschen Demokratischen Republik, nämlich der Firma PIKO. 

Gründe gab es für den jetzigen Alleininhaber und Geschäftsführer der PIKO Spielwaren GmbH in Sonneberg, Dr. René F. Wilfer, mehr als genug, 1998 »Das PIKO-Buch. 50 Jahre PIKO Modellbahnen« herauszugeben.

Waren Bücher zur Betriebsgeschichte in der DDR stets streng durch die zuständige Betriebsparteileitung kontrolliert und nicht minder strikt an der jeweils verordneten Sicht auf die Geschichte ausgerichtet, so sind sie heute wieder das, was sie eigentlich sein sollten – Darstellungen zur Geschichte von Betrieben. Daß sie in diesem Auftrag nie ganz unparteiisch sind, ist durchaus legitim und nachvollziehbar. Schließlich werden sie ja auch meist im Auftrage der Unternehmen geschrieben.

Stolz sind sie, die Leute von PIKO. Auf einem engen, sehr engen Markt für Modellbahnen ist es nicht so leicht, einen Platz zu ergattern, ihn zu behaupten und letztlich seine Position noch auszubauen. Dabei hatten es die Schöpfer der kleinen Bahnen im Maßstab 1 : 87 zu keiner Zeit besonders leicht. Die Stärke des reich mit Fotos ausgestatteten Werkes liegt gerade in einer sorgfältigen und sehr objektiven Sicht auf die mannigfaltigen Widerstände und die unglaubliche Kreativität der Mitarbeiter, die gepaart mit großem Fleiß und fachlicher Meisterschaft stets für die Marke PIKO einstanden.

Altmeister des DDR-Modelleisenbahnbaus wie Karlheinz Brust, Egon Jakobi, und Werner Ilgner lassen die Entwicklung eines Industriezweiges lebendig werden, für den es in der damaligen sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR außer fähigen Fachleuten und dem guten Willen weder Voraussetzungen noch Erfahrungen gab. Die Freizeit-Lokführer der 50, der 23, der E 44 werden sich auf den 162 Seiten des Bandes ebenso wiederfinden wie der französische Rezensent, der Antwort auf so manche Frage fand, die ihn früher beim Betrachten der Modelle von jenseits des Eisernen Vorhangs bewegte.

Ein volkseigener Betrieb, der zunehmend in den eisernen Würgegriff einer verfehlten Wirtschaftspolitik geriet, dessen Lenker sich freiwillig oder notgedrungen taub zeigen mußten gegenüber den Wünschen und Ideen der DDR-Modelleisenbahner. So manches erfolgversprechende Modell mußte zu Gunsten einer rein quantitativ gemessenen Planerfüllung geopfert werden oder erblickte oft erst nach quälend langen Jahren das Licht der Öffentlichkeit. Das Ende der DDR sah die kleinen Meisterwerke der DDR auf den Ramschtischen im Westen, weil kein Versuch verzweifelt genug gewesen wäre, an die benötigten Devisen zu gelangen.

Von einer Kooperation mit diesem nach der Wiedervereinigung staatsprivatisierten Unternehmen war abzusehen, da die Organisationen völlig verkrustet und die »Produktionsanlagen restlos veraltet oder total abgewirtschaftet aussahen«, wie Wilfer auf S. 112 schreibt. Dies bestärkte den Investor von drüben »in der Auffassung, daß man eine Produktion in der ehemaligen DDR wohl nur mit sehr hohem Kapitaleinsatz aufbauen könnte. Man müßte komplett neu investieren« (S. 112).

Nun, er hat es getan, der Mann aus dem Westen. Wer will es ihm also verdenken, daß er im Vorwort schreibt: »Nach der Wende in Deutschland und dem Kauf des PIKO-Programms durch Herrn Dr. René F. Wilfer und Frau Ortrun D. Wilfer im Jahre 1992 wurde das Modellbahnprogramm grundlegend überarbeitet und auf höchste Qualität getrimmt.«

Ressentiments, traurige Erfahrungen mit Profiteuren und letztlich die vielleicht noch residualen Ideen vom Klassenkampf bei den Beschäftigten des ehemaligen VEB spiegeln sich in der Rückschau des neuen Eigentümers wieder:

»Für viele war die Skepsis groß, da es genügend öffentliche Stimmen ... gab, die von einem Ausverkauf der PIKO ›für einen Appel und Ei‹ sprachen, die ein Aussaugen durch einen ›Wessi‹ befürchteten (wie viele es von ihnen bereits durch vorhergehende Kontakte erfahren hatten) und die der neuen PIKO keine Überlebenschance gaben.

Die meisten der nunmehr ›neuen‹ PIKO-Mitarbeiter sahen nach dem langen kontinuierlichen Ab unter Treuhandregie allerdings einen Hoffnungsschimmer am Horizont und unterstützten uns von Anfang an voll. Viele dieser Mitarbeiter der ›ersten Stunde‹, die die Notwendigkeit einer inneren Veränderung verstanden haben und sich entsprechend verhielten, sind nach wie vor erfolgreich bei PIKO tätig« (S. 115).

Diese neuen gesamtdeutschen Wahrheiten finden sich selten so nüchtern und klar beschrieben wie in diesem Buch. Ohne Brüche, auch von Lebenswegen scheint die nun mehr privatwirtschaftlich organisierte Erfolgsstory von PIKO nicht abgegangen zu sein, wird doch auch der um des Überlebens willen notwendige Elitenwechsel nicht verschwiegen (S. 116)

Ein durchaus ehrliches und geradliniges Buch, dessen Sprache nicht jene geschliffene und kunstvolle von Literaten, sondern die der Macher, der Macher von gestern und heute ist.

Der Gewinn des Buches liegt aber auch in dem erfolgreichen Konsens zwischen Lebens- und Arbeitsleistungen der Menschen aus der ehemaligen DDR und dem »privatkapitalistischen« Investor aus dem Westen, der bewußt als Traditionslinie angenommen wird. So gesehen wäre das Buch auch allen ewigen Klassenkämpfern, die zwischen Haß und Larmoyanz pendeln, sowie den Menschen aus dem Westen zu empfehlen, die noch allzu bereitwillig alte Vorurteile und Stigmata hätscheln.

Eines ist aber in jedem Falle unbestritten: PIKO hat es geschafft.

Didier Bauzière, Wattrelos, Frankreich

© Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Dumjahn Verlages.

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