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Solis, Julia: New York Underground. Anatomie einer Stadt (Dumjahn-Nr. 0016558)
Dumjahn-Nr. 0016558
ISBN-10: 3861532743

Didier Bauzière:
»Es ist kein reines Eisenbahnbuch, denn auch unterirdische Fußgängerpassagen oder der verborgene Unterbau der legendären Brooklyn-Bridge werden erklärt. Da das jedoch am Ende des Buches geschieht, zeigt sich doch – auch im Autoland USA – die historisch gewachsene Hierarchie der städtischen Verkehrsträger. In dieser Rangfolge steht der Schienenverkehr ganz oben.«

Die Autorin
Julia Solis, 1964 in Hamburg geboren, lebt seit 1977 in den USA. Studium der Philosophie an der University of California in Los Angeles, seitdem als Übersetzerin und Autorin tätig. 1998 gründete sie das Projekt »Dark Passage«, mit dem sie das Ziel verfolgt, den New Yorker Untergrund zu erforschen und dort künstlerische Events zu veranstalten; seit 1999 erscheinen regelmäßig Artikel und fotografische Arbeiten über die unterirdische Welt New Yorks. 2002 Veröffentlichung der englischsprachigen Short-Story-Sammlung »Scrub Station« bei Koja Press.

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Im Dunkel der Erkenntnis


Solis, Julia: New York Underground. Anatomie einer Stadt. Ch. Links Verlag : Berlin 2002. - Zur Bibliographie.

Wir Menschen sind eigenartig: Wir betrachten Dinge im Lichte der Erkenntnis, denn Wissen und Begreifen gleichen einem erhellenden Lichtstrahl, aber wir fühlen uns angezogen vom Dunklen, Mystischen, Verborgenen.

Mit nahezu schnöder Regelmäßigkeit nehmen die Zuschauer der Nachrichtensendungen des französischen Fernsehens teil am Schicksal von unglücklichen Höhlenforschern, die, zumeist in den Sommermonaten, entweder durch reißende unterirdische Fluten oder durch fehlende Orientierung von der Außenwelt abgeschnitten, der Erlösung harren. Diese kam bisher auch immer rechtzeitig - in Gestalt von Spezialeinheiten der Gendarmerie.

Höhlen sind natürlichen Ursprungs, auch wenn so mancher verkrachte Schweizer Hotelier schon gern Außerirdische in deren Schöpfung einführen möchte. Eingefleischte Hauptstädter hingegen haben meist völlig vergessen, daß sich unter ihren Füßen ein Labyrinth von unterirdischen Gängen, Tunneln und Kavernen erstreckt, das so gar nicht natürlich entstanden oder gar außerirdischer Herkunft ist. Menschen buddeln sich seit fast zwei Jahrhunderten durch den Untergrund der zumeist großen Städte, wobei in diesem Tun zunächst nur wirtschaftliche Interessen, nicht aber romantische Intentionen stecken.

Ob in Paris, Berlin, London oder New York – unter all den Metropolen unserer Welt gibt es eine mehr oder weniger anarchisch entstandene Spiegelwelt, besser gesagt: Schattenstadt.

Die Vorstellung, daß gerade eine Metro nur haarscharf am Weinregal vorbeigerast sei, ist in Anbetracht der urbanen Dichte so abwegig nicht. Denn Kanalisation und unterirdische Schienenwege formen so etwas wie die Schlagadern des Untergrunds.

Der Berliner Links Verlag geht diesen Dingen schon seit einigen Jahren auf den Grund, was der Leser getrost wörtlich nehmen sollte. Sorgfältig aufs Papier gebrachte Bücher beschäftigten sich bereits mit den Unter-, manchmal auch tiefen Abgründen der Städte Berlin, Wien und Paris. Die Sorgfalt, mit der das Team um den Verleger Christoph Links die Reisen ins Dunkel in Szene setzt, entspricht den liebevollen und plastischen Beschreibungen, deren sachliche Genauigkeit noch durch Skizzen und gelungene Fotos in Schwarzweiß und Farbe unterstrichen wird.

Daß Untergründe plötzlich zu Hochsicherheitszonen geraten können, ist eine logische Konsequenz einer veränderten Welt. So muß auch Julia Solis in ihrem 192 Seiten starken Werk »New York Underground. Anatomie einer Stadt bedauernd vermerken, daß die prächtige, mittlerweile aber geschlossene City Hall Station der U-Bahn selbst für organisierte Besuchergruppen nicht mehr zugänglich ist. Der Untergrund als potentielles Schlachtfeld für Terroristen – nach dem 11. September eine beklemmende Gefahr.

In den Exkursionen, die Julia Solis in den New Yorker Untergrund unternimmt, spiegeln sich ihre ungezähmte Neugier ebenso wieder wie das Erstaunen über Umfang und – nirgendwo anders auf der Welt entwickelte sich die moderne Industriegesellschaft so brutal und ungehemmt wie an der Ostküste der USA – über die Anarchie der unterirdischen Welt.

Ausgänge, die aufgegeben und hernach vergessen wurden oder Strecken aus den Pioniertagen der amerikanischen Eisenbahnen, deren Tunnel man samt Lokomotive zugemauert, gewissermaßen eingesargt hat, weil das billiger war. Gemeint ist damit die fast skurrile Geschichte des Atlantic Avenue Tunnels, und vielleicht wird dereinst in friedlicheren Tagen ein kleiner, ferngesteuerter Wartungsroboter ganz durch Zufall noch auf andere Tunnel-Überraschungen stoßen. Die Stadt New York ähnelt in einem Punkt der Pyramide des Khufu – beide sind Produkte der menschlichen Zivilisation, und diese ist sehr schnellebig.

Auch die Leute aus dem Untergrund kommen zu Wort, erhalten gewissermaßen Gesichter und Stimmen. Da ist der Enthusiast, der mit Beharrlichkeit und unverwüstlichem Optimismus den Atlantic Avenue Tunnel suchte (und ihn dann auch wirklich fand), da sind die Eisenbahner, die Wartungstrupps und die wahren Einwohner dieses Teils New Yorks, auch wenn letztere weder Mietvertrag noch Bleiberecht haben.

Es ist das Verdienst der Autorin, daß ihr Buch ohne die heute zunehmend gepflegte Oberflächlichkeit und vordergründige Sensationshascherei zu einer spannenden, präzisen, aber auch warmherzigen Lektüre geworden ist. Alles hat seinen Platz – die Geschichte, selbst dann, wenn sie den Horror eines furchtbaren Unglücks einschließt, so geschehen im November 1918 (S. 69 – 71), oder eine der ersten »Ich-AGs« im U-Bahnbau beschreibt. Auf den Seiten 55 bis 58 erinnert die Verfasserin an Alfred Beach, der sich in aller Stille nahezu allein durch den New Yorker Untergrund wühlte, um eine 40 m lange Station der von ihm projektierten pneumatischen U-Bahn – sozusagen als Referenzmodell – zu bauen.

So ganz kann sich aber auch Julia Solis dem Geist von Akte X nicht entziehen: »Durch eine kleine Seitentür im Erdgeschoß des Gebäudes der Philosophischen Fakultät der Columbia University gelangt man in einen Keller, der auch nachts hell beleuchtet ist. In dem Raum, den ich zusammen mit Steve Duncan von der Treppe aus erreichte, standen wir vor rätselhaften Maschinen.« (S. 135) Aber natürlich muß auch die Welt da unten ein klein wenig geheimnisvoll bleiben, auch wenn es nur um rätselhafte Maschinen im Keller einer renommierten Universität geht.

Das Thema Tunnel hat schon viele Autoren herausgefordert – Kellermann zum Beispiel oder Knobloch, der noch zu DDR-Zeiten ganz ungeniert einen Blick auf U-Bahnhöfe warf, die nur im Transit befahren wurden. Andere haben ganze Kapitel auf die phallische Interpretation der Faszination Tunnel verwendet. Julia Solis hat solchen Versuchungen widerstanden. In ihrem Werk sind Tunnel Kommunikationsröhren, Bestandteil der Wirtschaft wie auch der Kultur einer großen Stadt. So fügt sich auch die nahezu nüchterne Beschreibung der Folgen des Attentats nahtlos in das Werk ein.

Es ist kein reines Eisenbahnbuch, denn auch unterirdische Fußgängerpassagen oder der verborgene Unterbau der legendären Brooklyn-Bridge werden erklärt. Da das jedoch am Ende des Buches geschieht, zeigt sich doch – auch im Autoland USA – die historisch gewachsene Hierarchie der städtischen Verkehrsträger. In dieser Rangfolge steht der Schienenverkehr ganz oben.

Apropos: Kennen Sie die Entstehungsgeschichte der Grand Central Station? Und wissen Sie, wie viele Gleisebenen in den New Yorker Boden gegraben wurden? Nein? Dann sollten Sie es nachlesen, am besten noch vor Ihrem nächsten Trip über den »Großen Teich«!

Didier Bauzière

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