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Bauzière, Didier: VEB Schienenschlacht. Über den schwierigen Umgang der DDR-Publizistik mit der Deutschen Reichsbahn (Dumjahn-Nr. 0016460)
Dumjahn-Nr. 0016460
ISBN-10: 3934601405
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Joachim Seyferth:
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Dieses Buch entpuppt sich als weitgehend objektive Gesamtbetrachtung der DR in der DDR. Es zeichnet mit ungewöhnlich hoher Akribie das politische Sittenbild der Deutschen Reichsbahn zwischen Anspruch und Wirklichkeit nach – ein hochpolitisches Buch fernab des Verdachts der Pufferküsserei. 
Und diese Lücke in der Aufarbeitung deutsch-deutscher Eisenbahnpolitik hat jetzt erfreulicherweise kein mehr oder weniger befangener Landsmann, sondern ein Franzose – oder soll man besser sagen: ein Europäer? – nachgeholt: Didier Bauzière, dessen Initiale rein zufällig so einen verschmitzten Gleichklang mit unserer DB haben. Wenn das kein Glücksfall ist!
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Bauzière, Didier: VEB Schienenschlacht. Über den schwierigen Umgang der DDR-Publizistik mit der Deutschen Reichsbahn. Verlag IKS Garamond : Jena 2002. - Zur Bibliographie.

Die Deutschen arbeiten ihre Geschichte auf. Noch immer und natürlich erst recht nach dem Mauerfall im November 1989. Insbesondere die vom Westen annektierten Eisenbahnmedien-Begriffe »Transpress« und »Modelleisenbahner« trugen dazu bei, daß immer mehr Eisenbahnbücher und -berichte zur nahöstlichen Thematik erschienen – vom harmlosen Baureihenbuch über die »Ludmilla« bis zur »Geheimsache Reichsbahndampf. Die Akte Fotograf« (Transpress 1999). Viele sogenannte Eisenbahnfreunde wandten sich fortan von der zunehmend bunt-modernen und daher unbeliebt gewordenen Deutschen Bundesbahn ab und pilgerten in das nun freie Land der Ostalgie, wo es nicht nur auf vielen Schmalspur-Strecken noch qualmte und zischte, sondern wo selbst die urtümlichen Diesellokomotiven dank ihrer fett-schwarzen Abgaswolken eine geduldete Dampflok-Attrappe waren. Inmitten der aufkeimenden »Neuen Bahn« bekam die vermeintlich gefährdete Eisenbahnromantik eine östliche Nische; im Gegensatz zur kapitalistischen Marschrichtung hieß es für die Minderheit der Eisenbahnnarren nun: Go East!

Die daraus resultierenden Presseerzeugnisse und Publikationen zu »neuen« Bahnstrecken und Baureihen beinhalten mehrheitlich wie gehabt Technik und Fakten; damit zusammenhängende politische Sachverhalte werden allenfalls konstatiert, doch Hintergrund und Analyse sind kaum vertreten. Wo dennoch der Versuch gemacht wird, (Eisenbahn-) Politik vor und nach der Wiedervereinigung begreiflich zu machen, droht die Objektivität zu entgleisen: In den Veröffentlichungen eines Robin Garn scheint die »Reichsbahn ohne Reich« (so der Buchtitel einer Trilogie, von der der dritte Band noch aussteht) zwischen den Zeilen und Rasterpunkten oft nur aus den vergötterten Lokomotiven des Echt- oder Plandampfes zu bestehen. Und die zweifellos oft verdienstvollen Publikationen eines Erich Preuß nähren in vielen Fällen den Verdacht, beim Schreiben stilistisch zu improvisiert, inhaltlich zu subjektiv und überhaupt ein wenig zu selbstgerecht vorgegangen zu sein.

Das alles ist schon beschrieben worden und deshalb hinlänglich bekannt, fällt aber angesichts der Neuerscheinung »VEB Schienenschlacht« nochmals besonders auf. Denn dieses Buch (Untertitel: »Über den schwierigen Umgang der DDR-Publizistik mit der Deutschen Reichsbahn«) entpuppt sich als weitgehend objektive Gesamtbetrachtung der DR in der DDR. Es zeichnet mit ungewöhnlich hoher Akribie das politische Sittenbild der Deutschen Reichsbahn zwischen Anspruch und Wirklichkeit nach – ein hochpolitisches Buch fernab des Verdachts der Pufferküsserei. Und diese Lücke in der Aufarbeitung deutsch-deutscher Eisenbahnpolitik hat jetzt erfreulicherweise kein mehr oder weniger befangener Landsmann, sondern ein Franzose – oder soll man besser sagen: ein Europäer? – nachgeholt: Didier Bauzière, dessen Initiale rein zufällig so einen verschmitzten Gleichklang mit unserer DB haben. Wenn das kein Glücksfall ist!

Bauzière (50) ist Insider und neutraler Beobachter zugleich. Über seine Biographie erfahren wir im Klappentext unter anderem, daß er in seiner Jugend deutschsprachige Schulen besuchte und mit seinen Eltern zahlreiche Reisen in die zweite deutsche Republik unternahm. Inzwischen längst ein Freund der deutschen Eisenbahnen geworden, wählte er als Erwachsener für seine zahllosen Reisen in die DDR meist den Zug und erlebte die Deutsche Reichsbahn »durch die Fenster der Wagen, in den Abteilen und auf den stets quirligen Bahnsteigen« (Klappentext). Im Hauptberuf Archäologe, zahlen sich seine wissenschaftlichen Arbeitsmethoden auch in diesem Werk »VEB Schienenschlacht« aus, das nach jahrelangen Recherchen und mit der Akribie von mindestens drei Doktorarbeiten jetzt endlich mit Hilfe einer eher verlagsähnlichen Arbeitsgemeinschaft aus Jena zwischen zwei Buchdeckel gebracht werden konnte. Bemühungen, die aufwendige Publikation bei den einschlägig bekannten Verlagen der Eisenbahn-Hobbypresse unterzubringen, schlugen gottlob fehl, denn zwischen banalen Baureihenbüchern und Bildbänden hätte der anspruchsvolle Stoff nur einen kleinen Teil seiner Zielgruppe tangiert, die in diesem Fall eher aus ernsthaften Eisenbahnfreunden, Verkehrsexperten, Historikern und Beobachtern innerdeutscher Politik und Publizistik besteht.

Wie vieles auf dieser Welt, so ist auch dieses Buch eine Folge von Neugierde. Und Didier Bauzière ist schon von Berufs wegen sehr neugierig. Auf seinen zahllosen Fahrten in Zügen der Deutschen Reichsbahn der DDR begann er sich zu fragen, »was aber gab es an Informationen über dieses Fortbewegungs-, Transport- und Verkehrsmittel, über die kleinen und großen Probleme, über die Menschen hinter den Kulissen und über seine Geschichte zu lesen« (Vorwort)? Bauzière hatte seine Zweifel, »ob sich das, was wir im Westen über dieses Land und die Eisenbahn wußten, mit dem deckte, was die Menschen in diesem kleinen Land wissen konnten oder besser gesagt – wissen durften« (Vorwort). Nichts Banaleres und Ehrenvolleres als die Suche nach der Wahrheit beflügelte ihn, in Sachen Deutscher Reichsbahn und ihrer (Un)Veröffentlichungsarbeit zum nebenberuflichen, investigativen Journalisten zu werden. Im Bewußtsein, daß Zeitschriften, Bücher und andere Drucksachen sehr viel über die Kultur und das Selbstverständnis sowohl derjenigen, die sie verfassen und drucken, wie auch der Konsumenten erzählen, stellte er allmählich fest, daß angesichts handwerklich sauber gearbeiteter Bücher sowie deren Tiefgang und exakter fachlicher Darstellung das westliche Überlegenheitsgefühl unangebracht war. Waren die im Westen gern praktizierte Oberflächlichkeit nicht mindestens genauso schlimm wie die gestanzten Formulierungen und die unfreiwillige Komik der vielen Rechtfertigungen im Osten?

Bauzière schafft es, »den Spagat zwischen parteipolitischen Wunschbildern und verschleißenden Bahnanlagen« (Verlagstext) mit distanzierter Neutralität wie auch mit engagierter Analyse zu dokumentieren. Manchmal ironisch, aber nie überheblich oder gar verurteilend beschreibt er die unterschiedlichsten Ausformungen der Öffentlichkeitsarbeit im Umfeld der Deutschen Reichsbahn. Mit hoher Loyalität würdigt er die großen Leistungen der »kleinen« Eisenbahnerinnen und Eisenbahner zwischen Mangelwirtschaft und Parteiparolen, die in erster Linie dafür sorgten, daß das wichtigste Transportmittel der DDR trotz vieler technischer und ideologischer Widrigkeiten so erstaunlich gut funktionierte. Und mit Recht verteidigt er immer wieder nicht nur zwischen den Zeilen ostdeutsche Wertarbeit gegen das westliche Verliererbild und konstatiert, daß Opportunismus und die Vorspiegelung schöner Scheinwelten so einseitig auf der deutsch-deutschen Landkarte nicht zu fixieren sind: Wie hätten sich die Westdeutschen im Koordinaten- und Wertesystem der DDR verhalten? Das Arrangement mit dem politischen System ist eine weit verbreitete menschliche Eigenschaft und die Wahrheit wird über alle Grenzen hinweg strapaziert – so oder ähnlich relativiert Bauzière seine detaillierten Beobachtungen, die dadurch nie zum Vorwurf, sondern zur befreienden Erklärung geraten. »Wissenschaft muß genau und objektiv sein«, sagte einst Bauzières Professor der Archäologie seinem Schüler – D. B. hat den weisen Lehrsatz in diesem Buch meisterhaft verwirklicht.

»VEB Schienenschlacht« kommt äußerlich als ein über 600 Seiten schwerer und kompakter Brocken daher und hat (zufällig?) annähernd das Format des Kursbuchs der Deutschen Reichsbahn, dem in diesem Buch selbstverständlich auch ein eigener Abschnitt gewidmet ist (Kapitel VII. »Kursbuch unterm Ladentisch«). Bei der ersten Ansicht und beim Querlesen gefallen der überwiegend mit Faksimiles illustrierte und in noblem Blau gehaltene Schutzumschlag, der jeweils mit unterschiedlichen Fotos bedruckte Vor- und Nachsatz sowie die in den Text eingestreuten Farbseiten mit hervorragend wiedergegebenen Faksimiles von DDR-Drucksachen aller Art. Während das Vorwort bereits die »Gefahr« des Festlesens in sich birgt und das Inhaltsverzeichnis mit insgesamt zwölf Kapiteln neugierig macht (»Druck unter Druck« oder »Gefährliche Freunde«), sollte beim Ein- und Weiterlesen erst einmal Grundsätzliches geklärt werden, denn dieses Buch braucht Zeit: Unter dem martialisch anmutenden Titel verbirgt sich nämlich viel mehr als der »Umgang der DDR-Publizistik mit der Deutschen Reichsbahn« (Untertitel). Dieses Buch ist das Geschichtsbuch über die Deutsche Reichsbahn – voller Politik, voller Technik und voller Leben. Mit rund 600 anspruchsvollen Textseiten, von denen einige Abschnitte ruhig ein zweites oder gar drittes Mal gelesen werden sollten, ist dieses Werk für eine kurzweilige Bettlektüre natürlich nicht geeignet und Freunde der Thematik sollten erwägen, für die ernsthafte Lektüre ihren Urlaub zu opfern oder die Rente einzureichen.

Im ersten Kapitel beschäftigt sich dieses Buch konsequenterweise mit seinem eigenem Medium: »Druck unter Druck« beschreibt unter anderem, unter welchen Bedingungen und Vorgaben in der DDR geschrieben und publiziert werden konnte, welchen Umgang man mit der Sprache pflegte und welche subtilen Rückschlüsse man den unterschiedlichsten Druckwerken entnehmen kann. Dies alles bezieht sich natürlich vornehmlich auf die Eisenbahnliteratur im weitesten Sinne – von den DDR-Eisenbahnbüchern und Modellbahnkatalogen bis hin zu den DR-Dienstvorschriften und Fahrkarten (die dazugehörigen vierfarbigen Faksimiles mit Original-Patina wurden oben schon lobend erwähnt). Und gleich auf der ersten Seite dieses Kapitels weiß man bei dem Wort »Widervereinigung« nicht, ob man dem mitunter augenzwinkernden Tenor des Autors oder doch nur dem ersten Satzfehler erlegen ist – immerhin sträubten sich nicht wenige Ostbürger gegen die westliche und oft allzu einseitige Praxis der Wiedervereinigung, die unter anderem die heiter verpackte, aber in Wirklichkeit unschöne verbale Diskriminierung »Ossis« hervorbrachte. Die (gedruckte) Sprache als Spiegelbild der Gesellschaft und als Beleg für die Historiker: Mit »Druck unter Druck« hat Bauzière seinen Lesern zu einem aufschlußreichen und gut lesbaren Einstieg in dieses Buch verholfen.

Insbesondere die nächsten drei Kapitel beschäftigen sich intensiv mit der politischen Rolle der Deutschen Reichsbahn in der DDR, denn selbstverständlich diente der Schienenverkehr nicht nur zur Beförderung von Personen und Gütern, sondern ebenso zum Transport von sozialistischen Botschaften und Weltanschauungen. Bei seinen jahrelangen Recherchen hat Bauzière tief in den scheinbar verborgensten Quellen der DDR-Literatur gewühlt und zitiert unter anderem aus Parteitagsbeschlüssen, seltenen Fachzeitschriften oder den unzähligen Veröffentlichungen des »transpress VEB Verlag für Verkehrswesen«. Überhaupt unterfüttert der Autor seinen Text mit einem hohen Maß an Zitaten und Quellenhinweisen, welche seine Ausführungen sehr beweiskräftig und glaubwürdig machen. Die dazugehörigen Fußnoten sind lesefreundlich jeweils an das Ende eines Kapitels gestellt (Tipp: Zweites Lesezeichen benutzen!), das sonst oft übliche und umständliche Umschlagen mehrerer hundert Seiten bis ans Ende des Buches entfällt hier.

Zwischendurch sei angemerkt, daß das hervorragende Deutsch des Franzosen Didier Bauzière durch ein paar orthographische Fehler oder Unstimmigkeiten, die bei einem Textumfang dieser Art ohnehin nie ganz auszuschließen sind, kaum getrübt wird. Die Widrigkeiten bei der Verwirklichung dieses Buches – wie bereits oben erwähnt – beinhalten nämlich auch, daß bei sinkender Kompetenz vieler Verlage die Autoren von Ausgliederungen der besonderen Art betroffen sind und mittlerweile notgedrungen oft ihr eigener Lektor, Layouter und PR-Manager sein müssen. Dank Bauzières großartiger Leistungen auch diesbezüglich hat »VEB Schienenschlacht« diese qualitative Hürde mit Bravour gemeistert. Vergessen wir also nicht, daß sich unter den 4,6 Millionen Arbeitslosen auch mindestens 1000 Lektoren befinden, die einst für literarische Qualitätsarbeit standen.

Doch weiter im Buch: Daß auch die Technik der Deutschen Reichsbahn der politischen Ideologie unterworfen war, beschreiben die Kapitel »Hauptsache, es rollt!« und »EMZG, PZB, WSSB, SIFA, MESA«. Bauzière analysiert die politischen Hintergründe der Rechtfertigungen für betriebliche Umorganisationen, die unter anderem aufgrund von Mangelwirtschaft und Materialermüdung (z. B. Betonfraß) an der Tagesordnung waren. Auch hier gilt die Sympathie des Autors weniger den »Bonzen« als den Eisenbahnern vor Ort, die derlei Planungs- und Entscheidungsdefizite auszubaden hatten. Zwischen den Zeilen ist auch hier zu entnehmen, daß es bezüglich derlei offizieller Verlautbarungen auch im Westen nichts Neues gibt: Beispiele, wie verlogen oder selbstgerecht Entscheidungen bei Politik, Wirtschaft oder DB auch hierzulande verkauft werden, ließen sich mühelos aufzählen. Wie sich allerdings Zensur und fehlende Presse- sowie Meinungsfreiheit auch auf den publizistischen Umgang mit Eisenbahnunfällen und Sicherheitslücken in der DDR ausgewirkt haben und welche Entwicklungen das Signal- und Sicherungssystem der DR erfuhr, wird ebenso gründlich im oben genannten Kapitel »EMZG ...« vermittelt – jenseits vom politischen Hintergrund sind diese Ausführungen auch für Techniker eine Fundgrube.

In den nächsten Kapiteln geht es um das Reisen in der DDR sowie um internationale Verkehrsbeziehungen: Kursbücher, Fahrkarten und Tariffragen, Reisekultur, Technik der Reisezugwagen, MITROPA-Politik und -Angebote, Schlafwagen, Reisegeschwindigkeiten, Langsamfahrstellen und so weiter. Für die Qualität der Ausführungen gilt das oben Gesagte; Information und Erkenntnisgewinn sind außerordentlich hoch. So auch bei den Kapiteln IX. bis XI., die die Rolle und das öffentliche Bild der Deutschen Reichsbahn beim Berlin- und Transitverkehr, bei den Paßkontrollen, bei den Beziehungen zu den östlichen Bruderländern und schließlich natürlich bei der Grenzöffnung beschreiben. Nicht nur lehrreich, sondern auch unterhaltsam ist der Abschnitt »Mord im Balt-Orient-Express«, in dem das Spionagetum im Umfeld und mit Hilfe der Eisenbahn oder Zukunftsentwürfe für Atomlokomotiven und 900 km/h schnelle Triebzüge schon beinahe karikiert werden. Aus diesen Träumen ist die DDR bekanntlich geweckt worden, allerdings nicht ohne Ostdeutschland in den Folgejahren mit dem westlichen Alptraum einer Magnetbahn nach Berlin zu belästigen.

Nach derlei ernsthaftem Stoff bietet das letzte Kapitel vergleichsweise leichte Lektüre: Unter der schönen Überschrift »Das kleine Glück« enthält es alles, was mit der Miniaturisierung der DDR-Eisenbahn zu tun hatte: Modellbahn, Briefmarken, Kinder. Kinder? Natürlich, denn das spielerische Heranführen Jugendlicher an das staatstragende Verkehrsunternehmen war ein hochpolitisches Anliegen der Parteifunktionäre, die selbstverständlich auch den harmlos erscheinenden »Modelleisenbahner« für ihre Ziele vereinnahmten: 1971 erschien dort beispielsweise ein Beitrag des Deutschen Modelleisenbahn-Verbandes der DDR (DMV) unter dem Titel »Die staatsbürgerliche Erziehung der Schuljugend – Hauptaufgabe der Jugendarbeit des DMV«. Dort erfuhren die Leser vor Basteltipps und Neuheitenschau zunächst einmal parolenhafte Leitsätze wie beispielsweise diesen: »Die prinzipielle Verantwortung aller Mitglieder und Funktionäre liegt darin, mit den spezifischen Mitteln und Möglichkeiten des DMV konkret zur Erziehung der jungen Generation und zur Entfaltung der Wesenszüge der sozialistischen Persönlichkeit beizutragen.« Neben diesen publizistischen Ausformungen beschreibt Bauzière in diesem Kapitel unter anderem die Modellpolitik und -palette der DDR-Modellbahnindustrie, die Eisenbahn in der Philatelie, Kinderbücher und Pioniereisenbahnen sowie den hohen Stellenwert von Tauschbörsen, Eigenbauten und »Vitamin B«, dem wohl überall in der Welt nötigen Schmiermittel, das sich »Beziehungen« nennt.

Inzwischen auf Seite 562 und am Schluß einer langfristig angelegten Lektüre angekommen, müßte sich der engagierte und gewissenhafte Leser eigentlich zum ausgewiesenen Reichsbahn-Experten und Staatsbürgerkundler gewandelt haben. Dank des umfangreichen, mehrteiligen Registers am Ende des Buches gerät auch ein späteres Nachschlagen nicht zur endlosen Suche, denn daß dieses Werk auch zum Nachlesen und zur Recherche prädestiniert ist, liegt auf der Hand.

Übrig bleibt der ausdrückliche Dank an Didier Bauzière für diese verdienstvolle Form der deutsch-französischen Freundschaft, die in diesen Zeiten erneut so hoffnungsvoll manifestiert wird. Mögen auch Rumsfeld oder andere Donaldisten diese Teile des »alten« Europa nicht zu ihren Vasallen zählen, können wir dagegen stolz darauf sein, eine Revolution und den Sturz einer Diktatur ganz und gar unblutig herbeigeführt zu haben. Als Chronist auch dieser Ereignisse hat Bauzière uns mit »VEB Schienenschlacht« ein bedeutendes Stück deutscher Eisenbahngeschichte geschenkt, das ihn in der Tat als wahren Europäer auszeichnet.

Joachim Seyferth

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