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Eisenbahn-Dumjahn online

 

Greß, Gerhard: Verkehrsknoten Hamburg (Dumjahn-Nr. 0011138)
Dumjahn-Nr. 0011138
ISBN-10:
3882552697

Rainer Kolbe:
»
Nichts gegen Bildbände! Dieser aber hat es in sich. Denn was da so artig und sauber gedruckt daherkommt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als, ja, als was eigentlich? Auf jeden Fall als eine Reminiszenz an die 'Eisenbahn, damals'

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»Was für ein schönes Buch!
«

Greß, Gerhard: Verkehrsknoten Hamburg. EK-Verlag : Freiburg 2001. - Zur Bibliographie.

Was für ein schönes Buch! Das ist der erste Eindruck. Und dann folgt der zweite. Denn dieses Buch muß man zweimal lesen und betrachten. Zu lesen gibt es zwar nicht sehr viel, denn bis auf einige Seiten thematische Einführungen sind überwiegend Bilder zu betrachten. Nichts gegen Bildbände! Dieser aber hat es in sich. Denn was da so artig und sauber gedruckt daherkommt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als, ja, als was eigentlich? Auf jeden Fall als eine Reminiszenz an die »Eisenbahn, damals«.

Titel und Aufmachung führen aber erst einmal in die Irre: »Verkehrsknoten Hamburg«. Doch es ist nicht wirklich vom Verkehr in seiner Gesamtheit, sondern fast ausschließlich von der Eisenbahn als Staatsbahn, als Privatbahn, als S-Bahn, Hochbahn oder Hafenbahn die Rede. Auch wenn es nicht allen Eisenbahnfreunden gefällt: Zu einem Verkehrsknoten gehört mehr als die Eisenbahn. Auch das Titelbild führt in die Irre. Denn auf der aus mehreren Bildern bestehenden Montage fährt unübersehbar auch ein ICE. Dennoch endet das Buch thematisch mit dem Traktionswechsel Anfang der 70er Jahre.

Nun denn. Im ersten Teil des Buches wird der Leser kurz und knapp über die Entwicklung des Hamburger Schienenverkehrs informiert, über die S-Bahn, die Hochbahn, die Hafenbahn. Das liest sich durchaus interessant, und die Texte fassen die tatsächlich recht komplexe und komplizierte Historie gut zusammen.

Bei aufmerksamer – oder zweiter – Lektüre stellt man aber fest, daß die Texte je nach Themenschwerpunkt zu völlig unterschiedlichen Zeiten ihren Abschluß finden. Die Geschichte von S-, Hoch- und Hafenbahn wird bis in die späten 60er-Jahre beschrieben, die Geschichte von Bahnanlagen und der Straßenbahn aber nur bis zur vorvorigen Jahrhundertwende. Kam danach nichts mehr? So liest man sehr erstaunt auf Seite 12, es geht da um die Einweihung des Hamburger Hauptbahnhofes im Jahre 1906: »Mit ihm war die Umgestaltung der Hamburger Bahnanlagen abgeschlossen (...)«. Tatsächlich? Und seitdem ist rein gar nichts mehr passiert? Hamburger wissen das besser.

Es gibt noch mehr unfreiwillige Komik in diesem Buch. So weiß der Autor, daß die ersten Pferdeomnibusse, bereits 1839, »pünktlich alle 15 Minuten verkehrten«. Der Rezensent muß bekennen: er war nicht dabei war, vor mehr als 160 Jahren. Und dennoch hat er Zweifel daran, daß heute jemand sicher sagen kann: diese Busse fuhren pünktlich!

Ein Lektor hätte solche Unstimmigkeiten möglicherweise bemerkt. Auch die, nun ja, individuelle Mischung alter und neuer Rechtschreibung läßt die Frage zu, ob das Buch eigentlich einen Lektor hatte?! Dem könnte man dann auch die hochnotpeinlichen Literaturhinweise um die Ohren hauen, die zum größeren Teil wenig mit Hamburg, aber sehr viel mit dem herausgebenden Verlag zu tun haben. Als ob es zum Thema Eisenbahn und Verkehr in und um Hamburg Literatur nicht haufenweise gäbe.

Der zweite, viel umfänglichere Teil des Buches ist ein chronologischer Bilderbogen – begeistert blättert der Hamburger um und um – was es alles gab! Wie die Stadt mal aussah! Und diese spannende Vielfalt an Postwaggons. Allerdings und auf den zweiten Blick: viele der Aufnahmen sind nur durch den Vergleich mit dem Heute spannend.

Und besonders zum Ende hin fehlen die Menschen in den Bildern – wie bei so vielen Eisenbahnbüchern. Bilder mit stolzen preußischen Straßenbahnschaffnern und volle Bahnsteige sind zu sehen. Doch die Aufnahmen aus den 60ern zeigen zumeist »Lokomotive schräg von vorn«. Bilder, die ich gerne durch Menschenbilder, Alltagsbilder ersetzt gesehen hätte. – Dennoch: es sind wirklich schöne, interessante Aufnahmen dabei, die uns viel über Zeiten und Zeitläufte erzählen.

Zeiten und Zeitläufte. Die Innenseiten der Deckel zieren – wenn auch nicht wirklich gut reproduzierte – Karten der Hamburger Gleisanlagen und Bahnnetze. Das ist schon interessant zu sehen, wo überall eine Straßenbahnlinie hinführte. Schade, daß sich nirgends ein Hinweis auf den ungefähren Zeitraum der Karten findet. Auf den zweiten Blick findet man aber, beispielsweise in Wilhelmsburg oder in Niendorf, auch eine Adolf-Hitler-Straße. Man fragt sich, ob das einfach nur Gedankenlosigkeit ist?!

Und dann betrachtet man auch so manches Bild ein zweites Mal. Und da wird das Buch zu einem richtigen Ärgernis durch den Umgang mit der Zeit des sogenannten Dritten Reiches: Das Foto auf Seite 31 zeigt den Hauptbahnhof Mitte der 30er Jahre, einen Doppelstock-Zug der zu dieser Zeit noch privaten Lübeck-Büchener Eisenbahn, einen Schnellzug nach Berlin, zwei Maschinen der Reihe 03. Dampf liegt über der Szene. Die Bildunterschrift fragt: »Hätten Sie nicht Lust einzusteigen?«

Nein, hätte ich nicht. Zum Beispiel, weil an der Bahnhofshalle ein gigantisches und unübersehbares Hakenkreuz hängt und ich, möglicherweise, jüdischer Abstammung bin. Oder kommunistischer Überzeugung. Vielleicht hätte ich keine Lust, in diesen Zug zu steigen, weil ich, möglicherweise, schon ermordet worden wäre. Darf das Verfassen von Bildunterschriften so gedankenlos geschehen?!

Es kommt noch viel ärger. Zu einigen Fotos von zerstörter Bahnanlagen und Aufräumarbeiten 1944 weist der Texter der Bildunterschrift darauf hin, daß die eingesetzten Zwangsarbeiter von der Reichsbahn entlohnt worden seien. Das beruhigt uns ungemein! Und weiter: »Zwangsarbeit war übrigens keineswegs eine Erfindung der Deutschen, wie uns die Geschichte lehrt.« Also alles in Ordnung! »Damit soll und darf aber das harte Schicksal dieser Menschen nicht entschuldigt werden.« Genauso klingt es aber. Gedankenlosigkeit?

Fazit: Wer sich ernsthaft über die Geschichte des »Verkehrsknotens Hamburg« informieren möchte, ist mit diesem Buch schlecht beraten. Es ist ein Bilderbogen, gemacht für Hamburger Eisenbahnfreunde, die in Erinnerungen schwelgen wollten oder heutige Bahnhöfe mit ihren Abbildern aus früheren Zeiten vergleichen möchten. Die damit leben können, daß so manches Foto seine Spannung allein aus diesem Vergleich zieht. Die damit leben können, daß die Welt der Eisenbahn - in diesem Buch - in den späten 60er-Jahren stehengeblieben ist.

Und die mit der Frage leben können, ob sie gerne Mitte der 30er Jahre gelebt hätten, immerhin konnte man damals mit Doppelstockzügen fahren. Übrigens, das kann man heute auch. Nur ohne dampfende 03er. Und ohne Hakenkreuz an der Bahnhofshalle des Hamburger Hauptbahnhofs.

Rainer Kolbe

© Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Dumjahn Verlages.

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