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Böttger, Thomas: Reichsbahn, Ruß und Rollfilm. Erinnerungen an eine entschwundene (Hobby-) Zeit (Dumjahn-Nr. 0016644)
Dumjahn-Nr. 0016644
ISBN-10: 3980825035

Joachim Seyferth:
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Ein interessantes, liebevoll gestaltetes und mit Leidenschaft im Selbstverlag herausgegebenes Eisenbahnbuch, das trotz (oder gerade wegen?) der Widrigkeiten bei der Eisenbahnfotografie in der ehemaligen DDR mit Wehmut auf eine jugendliche Hobbyzeit zurückblickt

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Eisenbahnfotografie in der DDR


Böttger, Thomas: Reichsbahn, Ruß und Rollfilm. Erinnerungen an eine entschwundene (Hobby-) Zeit. Bildverlag Thomas Böttger : Witzschdorf 2003. - Zur Bibliographie.

An anderer Stelle habe ich es schon angemerkt: Eisenbahnfreunde-Biographien haben zur Zeit Konjunktur. Mit jahrzehntelanger Verspätung wollen so manche in die Fußstapfen des legendären Eisenbahn-Erzählers Karl-Ernst Maedel treten und ihre Erlebnisse am Schienenstrang der breiten Fan-Gemeinde in Wort und Bild mitteilen. Nach Paulitz, Kaleve, Wollny und wie sie alle heißen nun also der Nächste: Sein Name ist Böttger, Thomas Böttger.

Diese Anlehnung an den bekannten Geheimagenten mit der Dienstnummer 007 ist nicht so weit hergeholt, denn Böttgers biographisches Thema ist die Dampflokfotografie in der früheren DDR, ein mitunter illegales und gefährliches Pflaster für (un)freiwilliges Hobby-Agententum.

Scharenweise pilgerten die Eisenbahnfreunde in den siebziger und achtziger Jahren von West nach Ost, um die sozialistische Verlängerung des Dampfbetriebes auszukosten. Etliche von ihnen veröffentlichten ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit der Eisenbahnfotografie in der Deutschen Demokratischen Republik – aus westlicher Sicht. Doch Thomas Böttger ist in der DDR aufgewachsen und bietet mit seinem Buch daher eine viel authentischere Schilderung von Freud und Leid des Eisenbahnfreunde-Daseins zwischen Probstzella und Rügen. Zwar ähneln sich die psychologischen Verhaltensmuster der vom Eisenbahnbazillus Infizierten in aller Welt, doch wie konnte man diese Leidenschaft beispielsweise im zweiten deutschen Staat, also buchstäblich in einem politischen Paralleluniversum, ausleben? Das ist Böttgers roter Faden in seiner Biographie über »eine entschwundene (Hobby-) Zeit« (Untertitel).

Die elterliche Wohnung in der Nähe eines Güterbahnhofs, der Vater eines Spielkameraden Eisenbahner – der Werdegang zum Eisenbahn- bzw. Dampflokfreund ist fast immer der gleiche. Doch mit dem ersten Fotoapparat wurden im Gegensatz zum Westen keine Probleme gelöst, sondern neue geschaffen: Wo durfte man fotografieren? Wie gelangte man an das oft ausverkaufte Filmmaterial? Von der Beschaffung »geheimer« Reichsbahn-Interna wie Güterzug-Fahrpläne oder Lokstationierungen ganz zu schweigen. Zwar wurde das Modelleisenbahnhobby in der DDR nicht zuletzt durch die legendäre Zeitschrift »der modelleisenbahner« gefördert und im Sinne der Partei gar für die »polytechnische Bildung« der Bevölkerung benutzt, aber die Eisenbahnfotografie durfte es als »offizielles« Hobby gar nicht geben – unliebsame Begegnungen mit der Transportpolizei waren somit programmiert. Diese Widrigkeiten prägen insbesondere den Inhalt der ersten vier Kapitel, die neben der lebendigen Schilderung außerdem mit authentischen Fotobeispielen farbstichiger ORWO-Erzeugnisse (Reklameslogan: »Freude am Bild«) sowie mit Faksimiles diverser Genehmigungsbescheinigungen, Texten des DDR-Fotorechts und Anschuldigungsschreiben der Deutschen Reichsbahn illustriert werden. Doch der Autor ist (verständlicherweise) weit davon entfernt, mit diesem politischen Hintergrund zu hadern: Der Eisenbahnbazillus war einfach stärker und musste nur wenige Hürden mehr überwinden, um auch DDR-Bürgern eine Leidenschaft zu bescheren, die (unter anderem) auch Leiden schafft.

Und so geht es in diesem Buch, das schon fast ein Tagebuch ist, mit den Erlebnissen rund um die Dampflokjagd immer weiter: Der Besuch von (Eisenbahn)Freunden aus dem Westen, die hohe Improvisations- und Organisationskunst bei Sonderfahrten, der erste fahrbare Untersatz für Zugverfolgungen und natürlich immer wieder Freud (weniger) und Leid (mehr) mit der allgegenwärtigen Transportpolizei. Das alles liest sich flüssig und ist eben deshalb so interessant und teilweise sogar spannend, weil es im politischen und kulturellen Umfeld eines DDR-Bürgers stattfand, der selbst mit diesem harmlosen Hobby bereits von den staatlich überwachten Verhaltensmustern der Bevölkerung abwich und so gewissem Argwohn ausgesetzt war.

Dies ist also eher ein politisches Buch, zumal die zahlreichen Abdrucke von DDR-Dokumenten von einer gewissen (befreienden) politischen Aufarbeitung zeugen. Die reinen Dampflokerlebnisse und -fotos hingegen sind weitgehend austauschbar: Ob die ersehnte Dampflok nun kam oder nicht, wie beeindruckend die erste Führerstandsmitfahrt war oder wo und wie oft man den langsamen Güterzug mit Moped oder Auto verfolgen konnte – all das ist ebenso sattsam in den »West-Biographien« diverser Eisenbahnnarren nachzulesen und könnte schon fast langweilig sein, wenn dahinter nicht die Botschaft stünde: Jenseits des politischen und gesellschaftlichen Umfeldes sind sie doch alle gleich, die Dampflokfreunde! Aber einen kleinen Unterschied gibt es doch: In diesem Buch »menschelt« es etwas mehr; einige Fotos von den Hobbyfreunden und Eisenbahnern zeugen vom sprichwörtlichen Miteinander und Füreinander der ostdeutschen Bevölkerung. Sympathisch, auch weil eine Biographie ohne diese persönlichen Noten keine wäre.

Ein interessantes, liebevoll gestaltetes und mit Leidenschaft im Selbstverlag herausgegebenes Eisenbahnbuch, das trotz (oder gerade wegen?) der Widrigkeiten bei der Eisenbahnfotografie in der ehemaligen DDR mit Wehmut auf eine jugendliche Hobbyzeit zurückblickt. Empfehlenswert für Reichsbahnfreunde, Dampflokfreunde und Historiker, die in lockerer Art und Weise an die endende »Dampfepoche« in Ostdeutschland erinnert werden möchten.

Joachim Seyferth

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