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Bluhm, Detlef: Der Zug nach Wien. Roman (Dumjahn-Nr. 0015708)
Dumjahn-Nr. 0015708
ISBN-10: 3378006374

Didier Bauzière:
»
Ein empfehlenswertes Buch zur jüngeren europäischen Geschichte, welches den Schmerz und die Verzweiflung jener nacherlebbar gestaltet, die die Shoah überlebt haben.
Dem Leser des Buches von Raul Hilbergs
Sonderzüge nach Auschwitz sei dieses Buch als Ergänzungslektüre empfohlen, denn das präzise gezeichnete Bild von der Verstrickung der Deutschen Reichsbahn und einiger ihrer Beamten erhält bei Bluhm Gesichter, wird mit dem Schicksal von Menschen verknüpft.
Ein Buch, das nicht schuldbewußt, wohl aber verantwortungsbewußt machen will
.«

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Der Autor:

Detlef Bluhm
Detlef Bluhm wurde 1954 in Berlin geboren, wo er heute auch lebt. Er arbeitete als Buchhändler, Verlagsvertreter und Verleger. Seit 1992 ist er Geschäftsführer des Verbandes der Verlage und Buchhandlungen Berlin-Brandenburg.

1) In Anspielung auf ein hervorragendes Buch, welches den Rezensenten tief berührt hat : Rosh, Lea; Jäckel, Eberhard: »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«. Deportation und Ermordung der Juden, Kollaboration und Verweigerung in Europa. Köln 1999.

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Dumjahn's Bahn-Rezensionen online:
»Der Tod war ein Meister
aus Deutschland«
1)
Bücher gegen das Vergessen (1)

Bluhm, Detlef: Der Zug nach Wien. Roman. Gustav Kiepenheuer Verlag : Leipzig 2001.
- Zur Bibliographie.

Schuld ist nicht vererbbar oder übertragbar. Der Sohn eines Mörders ist für die Taten seines Vaters nicht in Anspruch zu nehmen. So will es das moderne Strafrecht der meisten europäischen Länder, dessen Export ein ausnahmsweise eher positiver Kollateralschaden der Eroberungskriege Bonapartes war. Weil das nun einmal so ist, gehen die jüngeren Generationen weitaus selbstbewußter und unbefangener mit der eigenen Geschichte um. Fragen nach dem Schuldbewußtsein derjenigen, die dabei gewesen waren, die mitgemacht haben, werden ebenso gestellt wie die furchtbaren Bombenangriffe der Alliierten gegen die deutsche Zivilbevölkerung kritisch betrachtet werden.

Das liegt in der Verantwortung dieser Nachgeborenen, denn die Geschichte gehört zu ihrem Erbe, und, das entspricht nun einmal der Natur dieses Erbes, es ist unteilbar. Die Heldentaten eines von Blüchers oder eines Schills wurden neben der kalten Perfidie des Massenmordes in das Geschichtsbuch der Deutschen geschrieben.

Detlef Bluhm, Jahrgang 1954, gehört zu der deutschen Nachkriegsgeneration, die in ein Land hineingeboren wurde, das die innere Aussöhnung praktizierte und sich schwer tat mit der Erinnerung, und das nicht nur in den Schulen. Das »Nie wieder!« wurde von einer spürbaren Mischung von Sprachlosigkeit und Schuldgefühl begleitet. Sie zahlten, die Deutschen, an die jüdischen Opfer, an den Staat Israel, schluckten die Schuldvorwürfe tapfer herunter und nahmen zur Kenntnis, daß ihr Platz in der Nachkriegswelt für lange Zeit mit strengen Bewährungsauflagen verknüpft worden war.

Weil aber auch das neue deutsche Selbstbewußtsein nicht ohne Verantwortung bestehen kann, bedarf es eines guten kollektiven Erinnerungsvermögens. »Der Zug nach Wien« von Detlef Bluhm befördert es in spannender Art und Weise. Aber er widersteht der Versuchung, eine rein literarische, wenig anspruchsvolle, mit leicht gestricktem und gut erkennbarem Muster anzubieten, auch wenn am Anfang ein scharf bewachter Zug am Bahnsteig 4 des Salzburger Hauptbahnhofs wartet.

Es ist der 18. März 1944, und in seinem Salonwagen wartet der Reichsverweser Ungarns, Miklós Horthy, auf die Dinge, die da kommen werden. Die sind, wie der historisch bewanderte Leser weiß, keinesfalls erfreulich für den Admiral, auch wenn seinem Sonderzug der Schutz des Reiches angedeiht: »Hinter einer Lokomotive der Deutschen Reichsbahn war ein Flakwagen angehängt, gefolgt von einem Gepäck- und Funkwagen sowie mehreren Salon- und Schlafwagen des Turan - so hieß der Sonderzug des ungarischen Regenten Miklós Horthy -, einem Vorratswagen und einigen Waggons des legendären ‘Rheingold’, deren Seitenwände in einem hellen Violett-Ton gehalten waren. Die Fensterzwischenräume leuchteten cremefarben und die Dächer glänzten Silbergrau. Der zwölfte Waggon war abermals ein Flakwagen ... « (S. 9).

Da nur im Prolog die düstere Eisenbahnatmosphäre des Jahres 1944 beschrieben wird, sind an dieser Stelle einige Anmerkungen sicher hilfreich. Beim sogenannten Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich wurden auch die Strukturen der Bundesbahnen Österreich (BBÖ) in die Deutsche Reichsbahn eingegliedert. Die Fahrzeuge trugen fortan deutsche Baureihen- bzw. Gattungsbezeichnungen und mußten auch nicht selten die Anbringung des »Hoheitszeichens« mit dem Hakenkreuz erleiden. Fraglich scheint allerdings, ob sich die Würdenträger des Naziregimes in Anbetracht der alliierten Luftherrschaft noch den gefährlichen Luxus leisteten, in so farblich hervorgehobenen Fahrzeugen zu reisen. Bekannt geworden ist, daß Speisewagen, die von der Wehrmacht requiriert worden waren, recht schnell mit einem grünen Anstrich versehen wurden. Hinzu kamen die Mangelerscheinungen der bis zum äußersten angespannten deutschen Kriegswirtschaft.

Während sich der Reichsverweser Ungarns an diesem Märztag noch dem imperialen Fahrgefühl eines wichtigen Staatsoberhauptes im »neugeordneten« Europa hingibt, stellen die deutschen »Partner« bereits die Weichen in eine ganz andere Richtung. Die Gestapo richtet sich häuslich in Budapest ein und bereitet die Ausrottung der ungarischen Juden vor.

Als Horthy am nächsten Morgen in Budapest ankommt, ist er nur noch ein symbolischer Herrscher mit einem sehr nahen Verfallsdatum - am 15. Oktober wird er von den einstigen deutschen Freunden kurzerhand interniert und nach Bayern verbracht. Er hatte es gewagt, sich ihnen zu widersetzen. Vielleicht hatte der Admiral in Anbetracht der 437.402 Menschen jüdischen Glaubens, die mit wohlwollender Hilfestellung der nazifreundlichen Regierung zwischen dem 14. Mai und dem 8. Juli 1944 in die Vernichtungslager transportiert worden waren, doch Gewissensbisse bekommen?

Vor diesem schrecklichen Kapitel europäischer Geschichte vollzieht sich auch das Schicksal einer jungen jüdischen Familie, auch wenn sich die Deutschen zunächst jovial und respektvoll geben. Selbstverständlich, so lassen die SS-Offiziere erkennen, wolle man die Kultur der Juden respektieren, nur müsse man eben aus Sicherheitsgründen gewisse Vorkehrungen treffen.

Natürlich, der aufmerksame Leser merkt es, stimmen weder Ton noch Worte dieser Leute vom Schwarzen Orden, denn er weiß ja auch, wie die Geschichte tatsächlich verlief, aber Bluhm gelingt es sehr gut, die kalte, tödliche Perfidie und Präzision, mit der die Herren aus Deutschland zu Werke gehen, plastisch nachzuzeichnen.

Paul Singer schwankt zwischen Angst und schwacher Hoffnung und erliegt für kurze Zeit dem psychologischen Spiel der SS-Offiziere. So fragt ihn sein Onkel, der Hofrat Ernö Kahan auch: »Was hattest du für einen Eindruck von den beiden Deutschen?«

Der Zug nach Wien wird die Frage definitiv beantworten. Die scheinbar so wohlerzogenen Vertreter des Reiches bringen nachdrücklich ihren Wunsch zum Ausdruck, Onkel und Neffe mögen doch im zu schaffenden zentralen Judenrat eine wichtige Rolle spielen. Die Vorbereitungen zur Reise in den Tod möchte die SS nur zu gern den Juden selbst übertragen, der Zynismus kennt keine Grenzen.

Und doch vermögen Onkel und Neffe unter Hingabe erheblicher Vermögenswerte ein Arrangement treffen : Dreitausend jüdische Mitbürger dürfen mit einem Sonderzug in das neutrale Ausland ausreisen, im Zug nach Wien. So ist es auch die geistige Elite, die der Zentralrat zu schützen sucht. Unter diesen vermeintlich Glücklichen auch die hochschwangere Eva Singer, die Frau von Paul Singer.

Mit dem Tod ist kein Handeln, wie Paul Singer mit Entsetzen feststellen muss. Die Züge werden vertauscht, aus dem Zug nach Wien wird der Zug in das Vernichtungslager. Kein Organisationsfehler, solche unterlaufen den SS-Offizieren nicht, die mit furchtbarer Sorgfalt in zwei Monaten insgesamt 147 Züge von Ungarn aus auf die Reise in den Tod schicken lassen. Eine logistische Meisterleistung.

Paul Singer entkommt dem Inferno. 55 Jahre später stößt er auf die Spur des Mannes, der die Züge vertauscht hat, weil er der jüdischen Elite die Freiheit nicht gönnte. Er macht sich auf den Weg nach Deutschland. Im Deutschland des Jahres 1999 kann Singer nicht nur auf die Hilfe des israelischen Geheimdienstes, sondern auch auf das Wohlwollen des BND rechnen. Eine, freilich freie, Mitarbeiterin des BND wird bei der Jagd auf die mittlerweile gut installierten alten Kameraden das Leben lassen. Ob es sich dabei um den häufig kritisierten Mangel an Professionalität bei den Pullacher Schlapphüten oder lediglich um einen bedauerlichen Kollateralschaden handelt, dies mag der Leser selbst beurteilen.

Ein empfehlenswertes Buch zur jüngeren europäischen Geschichte, welches den Schmerz und die Verzweiflung jener nacherlebbar gestaltet, die die Shoah überlebt haben. Dem Leser des Buches Sonderzüge nach Auschwitz von Raul Hilberg (Mainz 1981) sei dieses Buch als Ergänzungslektüre empfohlen, denn das präzise gezeichnete Bild von der Verstrickung der Deutschen Reichsbahn und einiger ihrer Beamten erhält bei Bluhm Gesichter, wird mit dem Schicksal von Menschen verknüpft. Ein Buch, das nicht schuldbewußt, wohl aber verantwortungsbewußt machen will. Denn das Vergessen ist der Tod der Verantwortung. Der Tod aber war ein Meister aus Deutschland. Hoffen wir, daß er es nie wieder sein wird.

Didier Bauzière

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