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Eisenbahn-Dumjahn online

 

Nachtigal, Reinhard: Die Murmanbahn (Dumjahn-Nr. 0016662)
Dumjahn-Nr. 0016662
ISBN-10: 3935383053

Didier Bauzière:
»
Bücher, die den Mindestanforderungen an eine wissenschaftliche Arbeit genügen, sind rar geworden in Deutschland. Wohl wissend, daß diese Tugenden sich nicht so recht mit der heutigen Spaßgesellschaft vertragen, möchte der Rezensent seine Lektüre vor allem den Eisenbahnhistorikern empfehlen.«

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Schwesternreisen
Bücher gegen das Vergessen (2)

Nachtigal, Reinhard: Die Murmanbahn. Verlag Bernhard Albert Greiner : Grunbach 2001. - Zur Bibliographie.

Am 11. November, so will es der offizielle Kalender der Republik Frankreich, ist Feiertag, ein Tag der Arbeitsruhe, ein Stück kostbarer Freizeit. Warum? Eine Frage, die selbst von den so gütig Bedachten immer weniger korrekt beantwortet wird.

Am 11. November 1918 unterschrieben die Unterhändler des Deutschen Reiches - ihr Kaiser hatte sich bereits diskret ins holländische Exil zurückgezogen - den Waffenstillstand oder, in unserer Sprache: l'armistice. Dieses französische Wort ist auch der Name unseres Feiertages. Marschall Ferdinand Foch, der Held des Großen Krieges (so nennt man bei uns den Ersten Weltkrieg), der Vater aller Poilus (wie die französischen Soldaten dieses Völkergemetzels bis heute heißen), genoß die Zeremonie in seinem Salonwagen mit großer Genugtuung.

Endlich war man mit den perfiden »boches« fertiggeworden. Die Szene im Wald von Compiégne erfuhr während der Verhandlungen zum Friedensvertrag in Versailles eine konsequente, nichtsdestoweniger verhängnisvolle Fortsetzung. Auch französische Historiker gestehen heute ein, daß die im Friedensvertrag kaum zu übersehende Sucht nach vernichtender Vergeltung nur diese wieder gebären konnte und nicht den ersehnten Frieden.

Am 22. Juni 1940 waren die Deutschen denn auch folgerichtig an der Reihe, sich für die an ihnen genommene Rache zu rächen. Ein Großteil des deutschen Volkes applaudierte, denn die unmäßigen Reparationen und die gewollt erniedrigende Beschneidung der Souveränität hatten alle betroffen, waren von den Menschen so erfühlt worden. Man hatte »den Franzmännern« gezeigt, wer Herr im Hause war. Ein kleiner Exkurs in die Geschichte nach dem Großen Krieg, gewiß, aber auch ein notwendiger Exkurs. Er zeigt glücklicherweise auch, wie lernfähig unsere menschliche Zivilisation sein kann, wenn sie es denn will:

Der General de Gaulle war weder Foch noch Clemenceau, und Adenauer fand sich nicht in der aussichtslosen Rolle eines Erzbergers wieder. Die historische Chance wurde von allen genutzt, wofür sechs Jahrzehnte Frieden zwischen beiden Ufern des Rheins ein beredtes Zeugnis ablegen. In allen Städten Frankreichs begeben sich an jenem Novembertag Delegationen der politischen Honoratioren mit dem jeweiligen Bürgermeister auf den kommunalen Friedhof, um vor dem Denkmal der auf dem Felde der Ehre gefallenen Söhne Frankreichs zu gedenken. Aber wer von uns Franzosen denkt an diesem Tage wirklich an das Grauen der Grabenkämpfe, an das entsetzliche Sterben in den Gasschwaden, an die verwüsteten Städte und den Hunger? Vergessen, ausgeblendet, unwichtig?

Ein deutscher Autor, ein Osteuropa-Historiker, wie es in einem der für uns so schwer zu dechiffrierenden Komposithauptwörter heißt, aus dem badischen Freiburg beleuchtet eine Facette des Großen Krieges, die bereitwillig vergessen wird. Denn auch wenn der Titel »Die Murmanbahn« lautet, so behandelt Reinhard Nachtigal auf den 159 Seiten seiner Schrift überwiegend das Schicksal der Kriegsgefangenen, die durch die russische Regierung bei diesem Bahnbau eingesetzt wurden. So ist auch der etwas sperrige Untertitel »Die Verkehrsanbindung eines kriegswichtigen Hafens und das Arbeitspotential der Kriegsgefangenen (1915 bis 1918)« etwas irreführend, denn der technische Aspekt des Bahnbaus wird lediglich gestreift.

Von der wenig glücklichen Titelwahl einmal abgesehen, ist diese inhaltliche Ausrichtung nur zu begrüßen, denn der letzte Krieg, als hochtechnologischer Waffengang gegen den Irak geführt, erschien auf unseren Fernsehgeräten wie ein dürftiges, aber gleichwohl steriles Videospiel, bei dem das Sterben meist nur im RAM des Computers stattfindet. Die irakischen Kriegsgefangenen lagen mal im Wüstensand, oder lieferten die Staffage für einen gütig-strengen Offizier der US-Militärpolizei, der die ihm anvertrauten Gefangenen mit dem »liebevollen« Blick eines »Schleifers« bedachte.

Das ganze Grauen dieser Seite des Krieges erschließt sich auf den 159 Seiten des Buches durch die sorgfältige Auswertung der vorwiegend russischen Archivbestände, wobei die Arbeit durch den wissenschaftlich korrekten Umgang mit den historischen Quellen und durch ebenso sorgfältiges Zitieren besticht. Weil der Krieg im Sommer 1914 weder für die Mittelmächte noch für die Entente cordiale mit einem raschen Sieg endet, sich vielmehr in die Länge zieht und in wachsendem Maße zu einer Materialschlacht gerät, geht Rußland nach anfänglichen, eher vagen Planungen am Vorabend des Krieges daran, eine Eisenbahnlinie in den kaum besiedelten Norden des Landes durch die Halbinsel Kola bis zur Barentssee zu bauen. Ein weitestgehend eisfreier Hafen erhält nach dem Ausbruch des Krieges eine zunehmende strategische Bedeutung.

Die Kriegsgefangenen, die die Armee des Zaren vor allem unter den Soldaten der k. u. k.-Armee Österreich-Ungarns macht, scheinen für solche Projekte hervorragend geeignet zu sein, zumal doch ob der unwirtlichen Verhältnisse ein entsprechender »Verschleiß« an Arbeitskräften voraussehbar erscheint. Von 1915 bis 1917 werden neben einheimischen Arbeitern auch bis zu 70.000 Kriegsgefangene der Mittelmächte für dieses mörderische Unternehmen eingesetzt. Und das gehört zu dieser fast vergessenen Geschichte: Die USA vertrat bis 1917 als am Krieg unbeteiligte Macht die - zugegebenermaßen minimalen - Interessen der Kriegsgefangenen. Bücher gegen das Vergessen sollten aber auch verständlicher sein bzw. Hintergründe, und seien es nur historische Begriffsstrukturen, aufhellen.

Nachdem auf Seite 42 überraschend die österreichische »Inspektionsschwester« Prinzessin Croy-Dülmen in die Darstellung eingeführt wird, ist auf der Seite 70 die Rede von »Mittelstaaten-« bzw. »feindstaatlichen Schwestern«, die »Schwesternreisen« in Rußland unternehmen konnten. Der französische Rezensent gesteht freimütig, daß er zunächst etwas irritiert war und erst durch den Kontext erkannte, daß es sich wohl um religiöse Schwestern eines Stiftes und / oder um Krankenschwestern gehandelt haben muß, die die Fährnisse einer Reise ins Feindesland unternahmen, um dem Schicksal der Gefangenen nachzuspüren und, im bescheidenen Rahmen ihrer Möglichkeiten, deren Not zu lindern.

Eine andere Irritation des Rezensenten war wohl mehr seiner Angewohnheit geschuldet, vor der gründlichen Lektüre das Buch wahllos durchzublättern. So fiel sein Blick auf folgenden scheinbar befremdlichen Satz: »Die Sängerbrücke antwortete am 31. Juli auf eine entsprechende Note der US-Botschaft ...« Nur bei sorgfältigem Lesen der vorangegangenen Seite war zu erfahren, daß sich das russische Außenministerium in Petrograd an der Sängerbrücke befand. (Glücklicherweise kommt die Heimat des Rezensenten in dem Buch nicht vor, denn sonst hätte auch der Kai von Orsay auf Noten antworten können!)

Ein anderes Problem ergibt sich beim Rezensenten aus der mangelnden Kenntnis der russischen Sprache. Immerhin weiß er ja, daß eine russische Tradition darin besteht, dem Vornamen den Vatersnamen hinzuzufügen. Für welchen Vatersnamen aber das »Ju« beispielsweise im Falle des russischen Polarforschers steht, der unter »Vize, Vladimir Ju« im Personenregister auf Seite 159 zu finden ist, bleibt leider offen.

Bücher, die den Mindestanforderungen an eine wissenschaftliche Arbeit genügen (korrekte Arbeit mit Zitaten und den Quellen), sind rar geworden in Deutschland. Wohl wissend, daß diese Tugenden sich nicht so recht mit der heutigen Spaßgesellschaft vertragen (der »Event-Charakter« ist alles, das Buch ist nichts), möchte der Rezensent seine Lektüre vor allem den Eisenbahnhistorikern empfehlen. Für ihn selbst war dieses Buch ein Gewinn - was vielleicht auch der geographischen Optik eines Franzosen geschuldet ist: Für ihn ist eben nicht nur Moskau sondern auch ganz Rußland weit (entfernt) ...

Didier Bauzière

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