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Eisenbahn-Dumjahn online

 

Hammerschmitt, Marcus: Das geflügelte Rad. Über die Vernichtung der Eisenbahn (Dumjahn-Nr. 0016642)
Dumjahn-Nr. 0016642
ISBN-10: 3935792239

Joachim Seyferth:
»
Lesenswert!«

Der Autor
Markus Hammerschmidt, geboren 1967, lebt in Tübingen. Veröffentlichte u.a. »Der Glasmensch«, »Wind« und »Target« im Suhrkamp Verlag.
Träger des Thaddäus Troll-Preises 1997, des Essaypreises der Büchergilde Gutenberg 1998, des Würth-Literaturpreises 1999 und des Digital Content Award 2001 für dieses Buch.

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Die Vernichtung der Eisenbahn

Hammerschmitt, Marcus: Das geflügelte Rad. Über die Vernichtung der Eisenbahn. Oktober Verlag : Münster 2002. - Zur Bibliographie.

»Eins ist immerhin ein Vorteil an der Misere der Bahn: Sie ist so leicht überprüfbar. Man muß nur tun, was die Werbung verlangt (nämlich das Verkehrsmittel benutzen), und hat mehr gelernt, als einem lieb ist.«

Was wir bereits aus diesem kurzen Verlagstext zu »Das geflügelte Rad« lernen? Daß Verlag und / oder Autor die Orthographie der alten Rechtschreibung bevorzugen, daß von »Bahn« gesprochen wird, wenn die DB gemeint ist und daß dieses Verkehrsmittel nicht geliebt wird. So könnte diese Rezension bereits hier enden, aber das wäre gegenüber dem Leser genauso unfreundlich wie ein Bahnsteig ohne Bank oder eine Zugverspätung ohne Information.

Zur inzwischen reichhaltigen Literatur über die Bahnreform und ihre Auswirkungen gesellt sich nun also dieser Essayband, dessen Untertitel mit der pessimistischen Aussage »Über die Vernichtung der Eisenbahn« gipfelt. Und tatsächlich hört man im hintergründigen Gespräch mit »AG«-Eisenbahnern, deren Arbeitskraft im Zuge hunderter interner Strukturreformen bis zu physischer Erschöpfung und innerer Kündigung verheizt wird, ohne daß »mehr Verkehr auf der Schiene« zu erkennen ist, immer wieder eine latente Verschwörungstheorie: »Die machen die Eisenbahn kaputt – das ist politisch so gewollt.«

Der Autor Marcus Hammerschmitt ist Träger mehrerer Literaturpreise und Eisenbahn-Vielfahrer. Seine Alltagsbeobachtungen, Analysen und Essays in diesem Buch basieren auf unzähligen privaten und beruflichen Fahrten im Nah- und Fernverkehr quer durch Deutschland. Und als im weitesten Sinne politischer Mensch – was die Beschäftigung mit philosophischen Gedankengängen impliziert – hinterfragt er das System Eisenbahn und forscht nach den Gründen für dessen inneren und äußeren Zustand, der seit der Bahnreform zerrissener ist denn je: »Auf der Fahrt von Berlin nach Stuttgart mit einem maschinengeschädigten ICE und satter Verspätung in den Bahnhof Mannheim einzukriechen, während Herr Mehdorn in den Bordmagazinen von der ständigen Verbesserung der Verbesserung phantasiert, ist ja schmerzhafte Empirie genug. Es wäre aber auch gelebte Staatsbürgerkunde, wenn in den Medien zu erfahren wäre, wie das denn eigentlich kommt und was bei der neoliberalen Zurüstung der Bahn noch so alles auf der Strecke blieb.«

Allen Kurztexten in diesem Taschenbuch – von nur vier Zeilen bis zu mehreren Seiten – ist mindestens eine Doppelfunktion gemeinsam: Zum einen arbeitet der Autor seine persönliche (gespaltene) Haltung zu diesem Verkehrsmittel auf, zum anderen sind es politische Statements zur aktuellen schwierigen Situation der DB. Hammerschmitt ist eher ein kritisch-besorgter Beobachter als ein verklärter Freund der Eisenbahn, den es nicht nur zwischen den Zeilen schmerzt, wie dieses einst soziale Verkehrsmittel unter die Räder reiner Kapitalinteressen und leidenschaftsloser Technokraten gerät.

Trotz oder gerade wegen seiner kritischen Haltung, die persönliche Vorlieben und Animositäten zur Eisenbahn mit einschließen, sind seine Erzählungen, Meinungen und Thesen sehr glaubhaft und werden auch durch ein interessantes Bekenntnis (S. 53) nicht konterkariert: »Ich bin kein Fan der Bahn. Ich habe sie als Kind in einer traumatischen Dimension erlitten und erleide sie heute als unzufriedener Konsument. Dieser Text ist, so gesehen, der Versuch zur Überwindung eines Traumas, und kein Brief vom Fanclub.« Das ist vollkommen in Ordnung, denn Liebe macht bekanntlich blind. Nicht die leidenschaftliche und kritisch-konstruktive Hassliebe, sondern die grassierende Gleichgültigkeit ist der Untergang der Eisenbahn.

So liest man sich flüssig durch die aneinandergereihten Kurztexte mit Überschriften wie »Zeiten der Dürre«, »Geranien an der Feuerbüchse« oder »Spielzüge«, die einzeln für sich auch jederzeit in Tageszeitungen als Kolumne oder Kurzessay stehen könnten, hier in ihrer kompletten Bündelung aber den roten Faden des leidenschaftlichen Eisenbahnkritikers erhalten. Manchmal möchte man während der Lektüre schon ausrufen: »Wo bleibt das Positive?« Aber obwohl das System Eisenbahn stellenweise einer zu argwöhnischen Betrachtung ausgesetzt wird, unterstellt man dem Autor jederzeit eine latente Sympathie für dieses Verkehrsmittel, das er schließlich so häufig benutzt und mit dem er sich so intensiv auseinandersetzt. 

Und schließlich stehen die Plädoyers für die Eisenbahn bereits ganz vorne im ersten Text »Abfahrt«, man hat sie bei der Schlußlektüre vielleicht nur schon wieder vergessen: »Die Bahn ist die Antwort der Vernunft auf die Frage nach massenhafter Mobilität in der Industriegesellschaft. Ihr Schicksal ist es, daß die Industriegesellschaft, die kapitalistische zumal, ab einem gewissen Grad der Entwicklung auf Vernunft verzichten zu können glaubte.« Lesenswert!

Joachim Seyferth

© Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Dumjahn Verlages.

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