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Freese, Jens: Schienenstrang nach Stalingrad. GeraMond Verlag : München 2003 (Dumjahn-Nr. 0016966)
Dumjahn-Nr. 0016966
ISBN-10: 376547133X

Didier Bauziere:
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Auf der Strecke geblieben ist ein Autor, der eine ausgezeichnete Idee hatte, aber auch ein Autor, den der Verlag ziemlich allein auf den tückischen Schienen der Geschichte zurückließ

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Literaturangaben:
*) Piekalkiewicz, Janusz: Die Deutsche Reichsbahn im Zweiten Weltkrieg. 1. Aufl. Stuttgart 1979.

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Tückische Schienen


Freese, Jens: Schienenstrang nach Stalingrad. GeraMond Verlag : München 2003. - Zur Bibliographie.

Früher war es so: Ein Lektor sorgte mit allen Kräften dafür, daß aus einer lobenswerten Absicht ein lesenswertes Buch wurde. Aber damals war alles anders, das Land und die Zeit sowieso. Schnee von gestern, sagten sich die Büchermacher bei GeraMond konsequenterweise und ließen Jens Freese ganz allein einen »Schienenstrang nach Stalingrad«, so der Titel, in die deutsche Militärgeschichte legen.

»Aufwändige Recherchearbeit« und »grosse Sachkenntnis« haben es dem Autor ermöglicht, sich einem der »großen Mythen des ‘Dritten Reiches’« zu »nähern« (Rücktitel) - und das alles auf den für diese Buchserie festgelegten 159 Seiten. Die logistische Bedeutung der Eisenbahn im Umfeld der mörderischen Schlacht in und um Stalingrad 1942/1943 ist ein militär- und eisenbahnhistorischer Forschungsgegenstand, der Hochachtung verdient, genauso wie der Wunsch des Autors, die Erlebnisse, Beobachtungen und letztlich auch das damals erfühlte Grauen seines Vaters an die Nachwelt weiterzugeben.

Allerdings hat sich Jens Freese der Geschichte und dem Sujet wirklich nur »genähert«, insoweit muß der Text auf dem Einband unwidersprochen bleiben, denn auf eine sehr wesentliche Frage bleibt der Autor die Antwort schuldig: Warum waren deutsche Truppen in Stalingrad und warum haben sich die Soldaten mit soviel Heldenmut und Opferwillen an die russische Erde geklammert, die doch nicht die ihre war?

Weil Bücher zur und über die Geschichte vor allem auch für jene Generationen geschrieben werden, die später geboren wurden (und werden), sollten sich die Autoren der Wahrheit stellen, zumal die meisten Soldaten wie überall in jenen Jahren weder freiwillig auf die Schlachtfelder zogen, noch Kriegsverbrecher waren. Es hätte dem Buch gut getan, darauf zu verweisen, daß die deutschen Truppen in der UdSSR ebenso wie zuvor in fast ganz Europa zum Zwecke der Eroberung und wirtschaftlichen Ausplünderung eingefallen waren. Daß Männer wie Freeses Vater dabei Werkzeuge waren, ändert nichts an dem Respekt, den wir ihrem Kampf und ihrem Sterben entgegenbringen. Historiker wie Piekalkiewicz gaben gewiß unbequeme Antworten, aber sie gaben sie wenigstens.*)

Die unglaubliche Härte und der menschenverachtende Umgang mit der Zivilbevölkerung war dem Kommunismus systemimmanent, nicht aber sein Privileg (S. 64) und wurde von deutscher Seite auch und dann mit unglaublicher Präzision praktiziert. Theorien, daß die Schlacht um Stalingrad eine um das Prestige der beiden Diktatoren geführte militärische Auseinandersetzung war, oder daß Fachleute vom Militär es schon hinbekommen hätten, wenn Hitler sich nicht immer eingemischt hätte (S. 8), verleihen dem Text zudem (auch wenn der Autor das gewiß nicht wollte) den schalen Beigeschmack des Revisionismus.

Dieser fatale Eindruck verstärkt sich, wenn der Leser einen Blick auf das Literaturverzeichnis wirft. Historiker pflegten von jeher, übrigens auch in den Zeiten des Kalten Krieges, die Schriften der jeweiligen Gegenseite, hier wären es sowjetische Quellen, sekundäre Publikationen und Memoiren gewesen, kritisch zu analysieren und in die Aufarbeitung einzubeziehen. Im Falle des vorliegenden Werkes - Fehlanzeige.

Wahrscheinlich war der Autor so überwältigt von der Fülle des Materials - und wer könnte das nicht verstehen? -, daß er beispielsweise zwischen den Seiten 10 und 34 eine wahre Textschlacht ficht, freilich nicht ohne Punkt und Komma, wohl aber ohne einen einzigen Absatz. Dem Leser wird keine Pause gegönnt, er kann keinen Atem holen, findet keinerlei optisch-logische Struktur: Fließtext im wahrsten und schrecklichsten Sinne des Wortes.

Aber auch die vielen im militärischen Bereich gebrauchten Abkürzungen vertragen sich nicht mit der Form einer historischen Abhandlung - »nördl.«, »rum.«, »ital.«, »ung.«, »ostw.«, »feindl.« seien hier als Beispiele genannt. Normalerweise wird nach einem Punkt eine Leerstelle gesetzt, es sei denn der Platz ist rar und der Autor komprimiert seinen Text, dann lesen wir »rum.3.Armee« (S. 126). Der Layouter, der »Buchmacher Arthur Lenner«, nahm das nicht nur auf dieser Seite stillschweigend hin, nein, er zögerte nicht, auch noch seinen Namen für diesen typographisch mißratenen Text herzugeben.

Obwohl wenigstens in den früheren Jahren der Heftreihe »Der Landser« (Pabel / Moewig) dort sehr viele ehemalige (Berufs-)Offiziere publizistisch zu Gange waren, so zeigten sich ihre Erinnerungen doch dem Text Freeses in sprachlicher Hinsicht meist überlegen.

Früher, wie schon gesagt, gab es ein Lektorat. Diese Institution hätte den Autor bei all seinem Enthusiasmus daran erinnern können (und müssen), daß bereits in den Schulen bestimmte Regeln für Geschichtsreferate vermittelt werden. Der Materialsammlung folgen mindestens Analyse, Verdichtung, Systematisierung und die Herausarbeitung der gewonnenen Erkenntnisse. Vielleicht wäre dann die »große Sachkenntnis«, die der Verlag seinem Autor bescheinigt, auch wirklich aus dem Schatten einer verwirrenden Sammlung militärischer und technischer Details sowie der Fülle der in der Tat bemerkenswerten Fotos aus dem Bundesarchiv herausgetreten. 

So aber hat GeraNova (wieder einmal) die Chance verpaßt, eine eisenbahn- und militärhistorische Abhandlung dieses beklemmend-interessanten Themas vorzulegen. Auf der Strecke geblieben ist ein Autor, der eine ausgezeichnete Idee hatte, aber auch ein Autor, den der Verlag ziemlich allein auf den tückischen Schienen der Geschichte zurückließ.

Didier Bauzière

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