Zurück zur Startseite Ihr Mausklick für den schnellen Zugriff:

Der Link, der es bringt.
Die Buchtipps. / Die Rezensionen.
Das Autoren-Lexikon.
Zur nächsten Seite

 

Eisenbahn-Dumjahn online

 

Dorer, Christian; Müller, Patrik: Der rote Boss. Die Benedikt-Weibel-Story. Zürich 2006 (Dumjahn-Nr. 0017707)
Dumjahn-Nr. 0017707
ISBN-10: 3280051908
ISBN-13: 9783280051900
Größeres Bild ansehen

Joachim Seyferth:
»
Fazit:
Auch bei uns gibt es – freilich noch versteckt – integre Charakterköpfe vom Schlage Benedikt Weibels. Vielleicht schafft es einer von ihnen an die Spitze unserer Bahn und vielleicht gibt es dann auch hier Autoren, die seine Karriere begleiten. Aber zunächst gilt: Erst mal 'Weibel' lesen!«

Zurück zur Liste der Rezensionen zur
Liste der Rezensionen

Zurück zu Dumjahn's Bahn-Bibliographie online
zu Dumjahn's Bahn-Bibliographie online

Pagerank erhoehen

Dumjahn's Bahn-Rezensionen online:
SBB: Die Benedikt-Weibel-Story

Dorer, Christian; Müller, Patrik: Der rote Boss. Die Benedikt-Weibel-Story. Orell Füssli Verlag : Zürich 2006. - Zur Bibliographie.

Was hierzulande fast undenkbar erscheint, ist in der Schweiz möglich: Ein Buch über den Bahnchef. Denn während bei uns ein hartnäckiger Despot die Deutsche Bahn zum weltweit agierenden und seelenlos kalten Logistikkonzern umkrempelt und die Eisenbahn daher zwar noch benutzt, aber nicht mehr geliebt wird, haben unsere eidgenössischen Nachbarn ein nach wie vor inniges Verhältnis zu »ihrer« Bahn. Sie betrachten ihr dichtes Schienennetz als Volkes Eigentum, benutzen es fleißig und kräftigen bei den zahlreichen Volksabstimmungen stets seine verkehrspolitische Position. Großen Anteil daran hatte unter anderen der bisherige SBB-Chef Benedikt Weibel, ein volksnaher und daher in der Öffentlichkeit beliebter Sozialdemokrat, der bis dato bewies, daß auch oder gerade ein roter Boss an der Konzernspitze ein Unternehmen glaubwürdig und erfolgreich führen kann. 14 Jahre stand Weibel an der Spitze der SBB; Ende 2006 schied er zu Gunsten veränderter Lebensplanung freiwillig aus dem erfolgreich gelebten und geliebten Amt aus.

Jetzt also dieses Buch (Untertitel: »Die Benedikt-Weibel-Story«), recherchiert und verfaßt von zwei renommierten Schweizer Journalisten: Christian Dorer ist ein Kenner der schweizerischen Politik und arbeitet als Bundeshausredaktor für den »SonntagsBlick«, Patrik Müller ist Ökonom und als Nachrichtenchef für dieselbe Zeitung tätig. Beide Autoren berichten zudem seit Jahren für diverse Medien über die Bahn und das Verkehrswesen. Für dieses Buch haben sie ganze Arbeit geleistet und es ist ihnen anzumerken, daß sie die Karriere von Benedikt Weibel nicht nur nachträglich recherchiert, sondern ebenso »miterlebt« haben. Denn der Leser gewinnt ausführlichste Einsicht in Hintergrundwissen und »Netzwerkinformationen« von Schweizer Politik und Managerkreisen, das von manch anderen Journalisten so detailliert und »nah« nicht aufgespürt worden wäre.

Aber auch der Verlag (Orell Füssli) hat mitgeholfen, diese Biographie zu einer runden Sache zu machen: Die Umschlaggestaltung ist in den SBB-Hausfarben Rot und Blau gehalten und setzt dem bibliophilen »Corporate Identity« sozusagen das i-Tüpfelchen auf; so manch Schweizer mag das Ganze gar zunächst für eine offizielle SBB-Publikation halten. Im Mittelteil des Buches befinden sich einige Schwarzweiß-Fotoseiten, auf denen sich der Leser buchstäblich ein Bild vom Berufs- und Privatleben Benedikt Weibels machen kann und das auch den reinen Textkapiteln ein Gesicht gibt: So bekommen wir zwar nicht den auf Seite 174 erwähnten Zwergdackel Struppi der Familie Weibel zu sehen, dafür aber Benedikt Weibel im Eisenbahnabteil (er fährt fast nur mit dem Zug!), mit seinen beruflichen Weggefährten, mit Familie, bei herausragenden SBB-Ereignissen und beim Klettern und Wandern in der heimatlichen Bergwelt.

Foto: Horst-Werner Dumjahn
Herausgeber Heinz von Arx (links) und Benedikt Weibel, Vorsitzender der Geschäftsleitung der SBB AG, anläßlich einer Buchpräsentation am 21. Nov. 2001 im Lok-Depot Basel. Foto: Horst-Werner Dumjahn.

Zum eigentlichen Inhalt, aufgeteilt in 14 übersichtliche Kapitel (ein Zufall, daß Weibel auch 14 Jahre im höchsten SBB-Amt war?), ist grundsätzlich anzumerken: Erstens wird in diesem Buch das deutsche Vorurteil widerlegt, die Schweizerischen Bundesbahnen seien eine makellos geführte und funktionierende Eisenbahn. Zweitens wird der Nimbus einer gänzlich schienenfreundlichen Schweizer Verkehrspolitik revidiert. Und drittens erfährt man vom Schweizer Vorurteil, die Deutsche Bahn sei ein mustergültiges und vorbildhaftes Unternehmen. Die rosa Brille können beide Länder beim gegenseitigen Bemustern also getrost abnehmen und das Ganze auf eine eher realistische Arbeitsebene setzen, so wie dies die »befreundeten Gegner« Weibel und Mehdorn in ihrer gemeinsamen Amtszeit getätigt haben.

Das erste Kapitel beginnt nicht ungewollt spektakulär mit dem landesweiten SBB-Stromausfall am Abend des 22. Juni 2005 und beantwortet das Phänomen, warum Benedikt Weibel für diesen europaweit beachteten »Blackout« auch noch Dankesbriefe erhielt und wie er diesen temporären Imageverlust dank seiner ihm eigenen Art durchstand. Danach setzt die eigentliche Biographie ein und schildert Weibel in der Jugend, bei der Familiengründung und natürlich beim beruflichen Aufstieg bei den SBB, angereichert mit viel Hintergrund zum hierfür unabdingbaren »Vitamin B«, also den guten Beziehungen zu Kollegen, Freunden und Förderern in Wirtschaft und Politik. Jetzt erfahren wir auch die eher schattigen Seiten der SBB-Chronik: Pläne für Streckenstillegungen nicht nur in schwach besiedelten Regionen, Konzentration des Güterverkehrs und eine so gar nicht zum Schweizer Räderwerk passende Unfallserie in 1994: In diesem Jahr gibt es bei den SBB 27 schwere Unfälle (also rund zwei pro Monat) mit zusammen 11 Toten und vielen Verletzten – eine weitere Bewährungsprobe für Benedikt Weibel.

So etwas ist für einen Spitzenmanager nur mit ein wenig Schweizer Sturheit, menschlicher Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit sowie vor allem mit Charisma durchzustehen. Benedikt Weibel besitzt diese Eigenschaften und konnte damit sogar als ausgleichender und ethisch vorlebender Sozialdemokrat 12.000 Stellen streichen sowie Löhne senken, ohne seinen Stuhl ernsthaft zu gefährden. Die beiden Autoren erläutern die Karriere und die Führungsprinzipien Benedikt Weibels so dicht und profund, daß der Leser mit ebenso aufmerksamer und abschnittsweiser Lektüre honorieren sollte: In einem »Zug« ist das Buch nicht zu lesen – in einem Schweizer Zug schon gar nicht, weil dort a) die Entfernungen vergleichsweise kurz sind und man b) lieber die Panoramaleinwand namens Fenster betrachten sollte!

Warum die SBB trotz aller Krisen heute nach wie vor so gut aufgestellt sind und vor allem den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung besitzen, warum Benedikt Weibel wegen einer Lohnerhöhung beinahe zurückgetreten ist (er ist nun eben keine »Heuschrecke«) und warum er mit der neuen Signaltechnik ETCS beinahe ein Fiasko erlebte – all dies und noch viel mehr wird aufschlußreich in den letzten Kapiteln geschildert. Und so wird man auch gewahr, daß sein überraschender Rücktritt keine persönliche Niederlage, sondern ein Aufbruch zu neuen beruflichen und privaten Herausforderungen ist – als engagierter Bergsteiger etwa zu Ämtern in der Sportpolitik und als leidenschaftlicher Bahnfahrer zur längst überfälligen Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn.

»Der rote Boss« ist Pflichtlektüre für alle Fans der Schweizer Bahnen und natürlich für alle mehr oder weniger überzeugten Beobachter von Hartmut Mehdorn. Und dieses Werk schafft das beinahe Unglaubliche, nämlich dank seines Protagonisten ein »sympathisches Managerbuch« zu sein! Das muß im Land der Ackermänner und asozialen Abfindungsschmarotzer erst einmal nachgemacht werden, aber seien wir optimistisch: Auch bei uns gibt es – freilich noch versteckt – integre Charakterköpfe vom Schlage Benedikt Weibels. Vielleicht schafft es einer von ihnen an die Spitze unserer Bahn und vielleicht gibt es dann auch hier Autoren, die seine Karriere begleiten. Aber zunächst gilt: Erst mal »Weibel« lesen!

Joachim Seyferth

© Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Dumjahn Verlages.

Über den Rezensenten

Zum Seitenanfang


Zurück zur Liste der RezensionenZur Impressumseite Mit »Eisenbahn-Dumjahn online« immer auf dem richtigen Gleis ... Weiter zur nächsten Rezension

 

Eisenbahn-Dumjahn online

 

© Copyright 2007 by Horst-Werner Dumjahn. Alle Rechte vorbehalten
Dumjahn Verlag Strasse Immenhof 12 PLZ-Ort D-55128 Mainz International +49 +6131 330810 Telefon +49 6131 330810
Der »schnelle Draht« zu uns ist Ihre E-Mail: eisenbahn@dumjahn.de