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Ciesla, Burghard: Als der Osten durch den Westen fuhr. Die Geschichte der Deutschen Reichsbahn in Westberlin (Zeithistorische Studien, 34). Köln Weimar Wien 2006 (Dumjahn-Nr. 0017538)
Dumjahn-Nr. 0017538
ISBN-10:
3412305057
ISBN-13: 9783412305055
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Alfred Gottwaldt:
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Das Thema ist so umfassend, daß sich der Historiker Burghard Ciesla im Jahre 2003 an der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam mit seiner Schrift über die »Geschichte der Deutschen Reichsbahn in Westberlin« habilitieren konnte.«

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Die Reichsbahn in Berlin (West)


Ciesla, Burghard: Als der Osten durch den Westen fuhr. Die Geschichte der Deutschen Reichsbahn in Westberlin (Zeithistorische Studien, 34). Böhlau Verlag : Köln Weimar Wien 2006. - Zur Bibliographie.

Die Berliner Eisenbahngeschichte war derart vielfältig, daß es ohne weiteres möglich ist, darin immer wieder neue Themen für Forschungen und Sachdarstellungen zu finden. Das läßt sich besonders für ihre durch Größenwahn und Zerstörung der Stadt gekennzeichnete nationalsozialistische Periode sagen, gilt aber auch für die unmittelbare Nachkriegszeit mit dem großen Systemkonflikt und dem kleinkarierten Bruderhaß in der ehemaligen Reichshauptstadt.

Nach der Befreiung hatte die Rote Armee im Sommer 1945 den Bahnbetrieb von Groß-Berlin in die Hände der »Deutschen Reichsbahn« zurückgegeben. Die Westalliierten stimmten dem für ihre Sektoren bald nach ihrer Ankunft zu, und daran durfte sich aus formalrechtlichen Gründen niemals etwas ändern, solange in Berlin das Viermächtestatut galt. Also bekriegten sich die deutschen Brüder im Westen und im Osten der Stadt gegenseitig mit dem Instrument Eisenbahn an einer Bruchstelle zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Sie störten und boykottierten sich gegenseitig, demonstrierten Macht oder Selbstverstümmelung und schacherten, bis im November 1989 das Schicksal endlich ein Einsehen hatte. Die Westalliierten sahen in der Reichsbahn weiterhin eine Vollstreckerin des geschlagenen Dritten Reiches, während der Osten danach trachtete, daraus ein »sozialistisches DDR-Transportunternehmen« zu schmieden. Selbst das allmächtige Verkehrsministerium der DDR konnte wenig dagegen ausrichten, daß der Laden »Reichsbahn« heißen mußte, denn ohne diesen Namen gingen die Betriebsrechte in West-Berlin flöten.

Das Thema ist so umfassend, daß sich der Historiker Burghard Ciesla im Jahre 2003 an der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam mit seiner Schrift über die »Geschichte der Deutschen Reichsbahn in Westberlin« habilitieren konnte. Den Stoff hat er – nach einem einleitenden grundsätzlichen Abschnitt – in vier große chronologische Kapitel gegliedert, die jeweils ungefähr ein Jahrzehnt des Berliner Alltags im bald aufkommenden Kalten Krieg ab 1945, seit dem Mauerbau von 1961, nach gewissen rechtlichen Regelungen der Ost-West-Beziehungen in Berlin durch das »Transitabkommen« ab 1971 und seit dem S-Bahner-Streik von 1980 beschreiben. Der Darstellung liegen umfangreiche Quellenstudien in einschlägigen staatlichen Archiven zugrunde. Es sind oftmals die daraus zitierten Texte im besten Beamtendeutsch beider Seiten, die das nur scheinbar absurde Thema auf einem erst heute angstfrei lesbaren Niveau zwischen Groteske und Tragödie vortragen.

Die Arbeit Burghard Cieslas ist bereits von meinem Kollegen Christopher Kopper in seiner Online-Rezension für die »Sehepunkte« 6 (2006), Nr. 7/8, vom 15. Juli 2006 als Meilenstein einer neueren Verkehrsgeschichte gelobt worden, mit dem der Anschluß dieses Metiers an die moderne Gesellschaftsgeschichte deutlich vorangebracht worden sei. Das ganz gewiß, doch manche Frage läßt das angenehm lesbar geschriebene, in seiner politischen Position gleichwohl unentschieden wirkende Buch offen.

Wird Geschichte immer von den Siegern geschrieben? In einem freien Land vielleicht nicht ganz und gar: Das Buch muß sich einer Diskussion stellen, die – wie immer bei zeitgeschichtlichen Themen – auch eine politische ist. Das fängt bei der Zeile für den Untertitel an: Schon die Schreibweise »Westberlin« war jedem ehemaligen Bewohner von »Berlin (West)« eine Zumutung, und der Osten verwendete beide Wörter keineswegs gleichzeitig. Zwar hat Burghard Ciesla die politische Brisanz solcher Kämpfe um leere Buchstaben auf Seite 21/22 angesprochen, sie aber nicht wirklich zutreffend dargestellt: DDR-Behörden benutzten das Wort »Berlin (West)« nämlich nur, wenn sie Geld dafür bekamen. Die Entscheidung Cieslas für die durchgehende Verwendung gerade der Schreibweise »Westberlin« in seinem ganzen Buch aus Gründen der »Spracheffizienz« erscheint mehr als delikat. Leichtfertig handelt er sich so im Kern seiner Darstellung von mehr als dreihundert Seiten den Vorwurf der Parteilichkeit ein, weil zugleich bereits in den wiedergegebenen historischen Dokumenten aus dem deutschen Osten die Bezeichnung »Westberlin« ungebrochen erscheint.

Eine andere Frage muß lauten, weshalb für diese gewichtige Studie der Nachlaß des beständig in West-Berlin wohnenden, von 1949 bis 1973 dort aktiven »Vizepräsidenten S-Bahn« der Reichsbahn, Friedrich Kittlaus (1901 – 1991) nicht benutzt wurde, der sich im Deutschen Technikmuseum Berlin befindet. Die für den »Westen« und seine Haltung gegenüber der DDR-Reichsbahn bahnbrechende Göttinger juristische Dissertation des Johannes Posth von 1973 über »Rechtliche Grundlagen der Deutschen Reichsbahn in West-Berlin« erscheint im Quellen- und Literaturverzeichnis nicht. Dort dürfte anderes eher entbehrlich sein, etwa die allgegenwärtige »Geschichte der Eisenbahnreise« von Wolfgang Schivelbusch, allerlei Straßenbahnliteratur und das gute Buch über die Weimarer Republik von Heinrich August Winkler.

Im Personenverzeichnis wird man, wie eine sagenhafte Formulierung jener Zeit lautete, »die von ihren Vorgesetzten beauftragten« Senatsrat Dietrich Hinkefuß aus dem Westen und Reichsbahn-Hauptdirektor Dr. Herbert Meissner vom DDR-Verkehrsministerium sowie dessen Nachfolger Lothar Krink vermissen, welche 1983 die S-Bahn-Verhandlungen geführt haben. Offenbar ist heute auch der bei sämtlichen Senatsstellen auf Westgeld orientierte Stasi-Agent »Professor Ulrich Hoffmann« vom Verkehrsministerium der DDR nicht mehr aktenkundig, der wohl zur Unternehmensgruppe des Alexander Schalck-Golodkowski gehörte. Offene Fragen gewiß, darunter vielleicht keine von solcher Bedeutung, daß sie dem Wert des Buches ernstlich Abbruch zu tun vermöchte.

Alfred Gottwaldt

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