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Eisenbahn-Dumjahn online

 

Spörrle, Mark; Schumacher, Lutz: »senk ju vor träwelling«. Wie Sie mit der Bahn fahren und trotzdem ankommen. Freiburg im Breisgau 2008 (Dumjahn-Nr. 0017943)
Dumjahn-Nr. 0017943
ISBN-10:
3451298090
ISBN-13: 9783451298097
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Joachim Seyferth:
»
Nein, schütteln wir den schlechten Beigeschmack dieses Buches ab, setzen uns in den nächsten Zug und lassen ruhig den Weg das Ziel sein. Und wenn es dann aus dem Lautsprecher »senk ju vor träwelling« schallt, freuen wir uns des Lebens, denn mit dem Auto wären wir vielleicht schon längst tot .«

Die Autoren
Mark Spörrle
ist Redakteur bei der ZEIT und schreibt die irrwitzigen Erlebnisse auf, die ihm im Alltag passieren. Sein Buch »Ist der Herd wirklich aus?« wurde zum Bestseller.

Lutz Schumacher 
ist Journalist und Medienmacher, er arbeitet als Geschäftsführer beim »Nordkurier«, Neubrandenburg.

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Spörrle, Mark; Schumacher, Lutz: »senk ju vor träwelling«. Wie Sie mit der Bahn fahren und trotzdem ankommen.
Verlag Herder : Freiburg im Breisgau 2008. - Zur Bibliographie.

»Die Bahn kommt«, jubelt unser globalisierter Börsen-Nachwuchs, der sich analog dem »Sat.1-Film-Film« nun auch (ausgesprochen) gerne »Deutsche Bahn Bahn« nennt und damit allzu leichtfertig verrät, daß wir in Kürze auch mit Deutsche Bahn Flug, Deutsche Bahn Bank und Deutsche Bahn Back&Brat zu rechnen haben werden.

Ob die Bahn aber nicht nur vor die Füße der abfahrbereiten Reisenden kommt, sondern auch wirklich am Zielbahnhof ankommt, daran haben zumindest zwei Journalisten großen Zweifel. Der eine heißt Mark Spörrle und ist Redakteur bei der Wochenzeitung »Die Zeit«, der andere heißt Lutz Schumacher und ist Geschäftsführer beim »Nordkurier« in Neubrandenburg. »Wie Sie mit der Bahn fahren und trotzdem ankommen« haben sie den Untertitel ihres Buches benannt und versprechen im Kontext mit dem Haupttitel somit einen vergnüglichen Ratgeber - Bücher dieses Genres haben in einer immer komplexer werdenden Welt schließlich ganz von alleine Konjunktur.

Allein die Lektüre der Umschlag- und Klappentexte dieses in den ICE-Farben Rot und Weiß gehaltenen Buches läßt jedoch erkennen, daß es sich hierbei weniger um einen echten Ratgeber, sondern eher um Unterhaltungsliteratur mit zunehmenden Überspitzungen handelt. Man liest, daß Bahnfahren das letzte große Abenteuer in unserem Land sei, daß die Autoren sich mehr als die Hälfte ihres 40-jährigen Lebens auf überfüllten Bahnhöfen herumgeschlagen haben und daß ausgehungerte Mitreisende im ICE um das letzte trockene Brötchen gekämpft haben.

Na ja - das ist Stil der Schreiberlinge von der Blöd-Zeitung, den die Autoren oder der Verlag offenbar mal ausprobieren wollten. Das Benörgeln der »Bahn« ist schließlich eine leidige Dauer-Modeerscheinung der Deutschen, Zuspruch und verkaufte Auflage sind im positiven Sinne kalkulierbar.

Ähnlich verwirrend leiten Spörrle und Schumacher ihr Werk ein: »Die in diesem Buch geschilderten Begebenheiten und alle darin vorkommenden Bahngesellschaften sind frei erfunden und entsprechen in keiner Weise der Wirklichkeit. Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden deutschen Bahngesellschaften sind zufällig und nicht gewollt. Die Verfasser sind in keiner Weise mit Angehörigen oder gar Freunden von Lokführergewerkschaften verwandt oder verschwägert.« Der noch frische Leser darf also mutmaßen, ob die Autoren hiermit von vornherein »Entwarnung« geben oder ob sie sich vor rechtlichen Beanstandungen der Deutschen Bahn AG zu schützen versuchen. Wahr ist immerhin, daß insbesondere der Vorstandsvorsitzende der DB entgegen seiner Statur und seinem Habitus recht dünnhäutig ist und mit Kritik und unbequemen Wahrheiten nur recht ungeschickt umzugehen weiß.

An dieser Stelle muss ich jedoch die wiederholte und ermüdende Anmerkung äußern, daß die beiden Autoren wie alle anderen Journalisten auch in diesem Buch auf den mit gehirnwäscheähnlichen Werbemethoden durchgepeitschten Eigenanspruch der Deutschen Bahn hereinfallen und diese devot als »die Bahn« bezeichnen. »Bahn« heißt Eisenbahn und nicht Deutsche Bahn AG! »Bahn« ist die Gesamtheit des Schienenverkehrs; beispielsweise sprechen auch die Betreiber und Nutzer von Privatbahnen von ihrer »Bahn«! Ich befürchte aber, daß die Unsitte um diesen Terminus trotz aller Hinweise nicht auszumerzen sein wird, solange die Oberflächlichkeit und geistige Bequemlichkeit obsiegt.

Gleich gegenüber den eben zitierten »Warnhinweisen« der Autoren befindet sich das Inhaltsverzeichnis; für die einzelnen Kapitel haben sich unsere leidgeprüften DB-Fahrer ebenso illustre Formulierungen ausgedacht: »Warum dieses Buch so überlebenswichtig ist«, »Wohin Sie niemals mit der Bahn fahren sollten« oder »Das Ende der Zivilisation«. Neugierig macht das schon, zumal ein jeder (notorische Autofahrer ausgenommen) von mehr oder weniger vergnüglichen Reiseerlebnissen mit der noch jungen DB AG zu berichten weiß. Und da man im Leid zusammenrückt und ein wenig mehr Solidarität übt, liest man gerne weiter, um sein Schicksal mit den armen Autoren zu teilen und Bestätigung zu erfahren.

Schon nach wenigen Seiten Lektüre wird klar, daß Bahnfahren im Nah- und Fernverkehr der DB für die Autoren ein einziger Horrortrip ist - angefangen vom Fahrkartenerwerb über die richtige Zugauswahl bis zur umständlichen, quälenden und unpünktlichen Reise selbst. Komplizierte oder defekte Automaten, falsche Lautsprecherdurchsagen, unfreundliche Zugbegleiter, überfüllte Züge, verpatzte Anschlüsse und wucherhafte Fahrpreise scheinen eine Regel ohne Ausnahmen zu sein. Mit fortschreitender Lektüre ist immer weniger zu erkennen, ob es sich hierbei um Urteile oder Vorurteile handelt, ob die Autoren vielleicht nur ausgesprochene Pechvögel sind oder ob sie das Bahnfahren vielleicht gar nicht gelernt haben. Jawohl, das muss man lernen, genauso wie Autofahren. Aus dem Fenster gucken kann jeder, ein wenig Fahrplan-, Orts- und Tarifkenntnisse indes erleichtern die Reise per Schienenweg ungemein. Warum wohl haben beispielsweise Eisenbahnfreunde vergleichsweise wenig Probleme beim Bahnfahren?

All die geschilderten ärgerlichen Vorfälle gab und gibt es und es ist kein Vergehen von Spörrle und Schumacher, ihre Finger in diese Wunden zu legen. Insbesondere der DB-Fernverkehr hat mangels eigener Innovationen (alle Errungenschaften und »Erfindungen« bis hin zum ICE stammen noch aus der Bundesbahnzeit) noch Nachholbedarf bezüglich Service und Technik, während sich bei DB Regio auch dank der Länderbeteiligung vieles verbessert hat. Mit zunehmender Lektüre steigern sich die Autoren jedoch allzu selbstgerecht, populistisch und wortverspielt in ihre DB-Schelte, die jetzt mitunter ins Unglaubwürdige oder Alberne abgleitet - die Zeitschrift »Titanic« oder die Harald Schmidt-Show wären hierfür die passenderen Rahmen. Die satirische Überhöhung ist jetzt meist derart stark, daß die entsprechende Überhöhung eines Gleisbogens in der Wirklichkeit die Züge aus ihrem Fahrweg fallen lassen würde. Schlimmer noch: Die Schreibe fängt gleichzeitig an zu nerven und zu langweilen und begibt sich zunehmend auf das Niveau des Unterhaltungsteils schlechter Schülerzeitungen. Nein, so schlimm ist DB-Fahren nun wirklich nicht, die Summe aller geschilderten Pannen und Ärgernisse findet trotz der entsprechenden Suggestion niemals während einer einzigen Zugreise statt.

Die berechtigte Kritik, die die Autoren im ersten Drittel ihres Buches aufbauen, reißen sie im Rest zu Gunsten eines pubertären Unterhaltungsniveaus wieder ein. Den Anschlußzug in Richtung Konstruktivität haben sie jedenfalls nicht mehr erreicht und stehen zum Schluß vor einer verjuxten Geisterbahn, die mit billiger Zerstreuung jede Glaubwürdigkeit davonjagt. Wer Spaß an überdrehter Satire, ewiger Nörgelei und weiteren Fußtritten auf den seit Jahrzehnten zu Unrecht am Boden liegenden Buhmann DB hat, wird mit diesem Buch wieder eine Genugtuung mehr finden. Für alle anderen wird die Lektüre höchstens ein temporäres Vergnügen an einem gewissen Wortwitz und der Narrenfreiheit von Autoren sein, die beispielsweise bei der ZEIT beschäftigt sind und daher offenbar die Zeit haben, solche Werke zu verfassen. Nein, schütteln wir den schlechten Beigeschmack dieses Buches ab, setzen uns in den nächsten Zug und lassen ruhig den Weg das Ziel sein. Und wenn es dann aus dem Lautsprecher »senk ju vor träwelling« schallt, freuen wir uns des Lebens, denn mit dem Auto wären wir vielleicht schon längst tot.

Joachim Seyferth

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