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Joachim Seyferth: |
Dumjahn's
Bahn-Rezensionen online: DB-Chef Mehdorn - (eine) Gefahr für die Demokratie? Wacket, Markus: Mehdorn, die Bahn und die Börse. Wie der Bürger auf der Strecke bleibt. Redline Wirtschaft, FinanzBuch Verlag : München 2008. - Zur Bibliographie. Zurzeit nehmen die Bundesbürger laut einer Umfrage mehrheitlich lieber hohe Benzinpreise in Kauf als die Deutsche Bahn. Müssen - um dies umzukehren - die Spritkosten also noch mehr steigen oder muß ein Mann seinen Hut nehmen, der (teilweise zu Unrecht) als Buhmann gilt und der sich jüngst in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung selbstverliebt mit Napoleon verglichen hat? Das Buch von Markus Wacket besitzt ein sehr hohes Potential, um dem Leser bei einer Entscheidungsfindung für diese Frage zu helfen. Denn anders als bei dem hier an benachbarter Stelle besprochenen Machwerk Senk ju vor träwelling handelt es sich bei »Mehdorn, die Bahn und die Börse« nicht um populistischen Klamauk, sondern um eine akribisch recherchierte und seriöse Dokumentation des Systems Mehdorn. Markus Wacket, Absolvent der Henri-Nannen-Schule, arbeitet seit Mehdorns Amtsantritt als wirtschafts- und verkehrspolitischer Korrespondent für die Nachrichtenagentur Reuters in Berlin. Zuvor war der Bahnexperte als Journalist unter anderem für »Die Zeit« und »Die Woche« tätig. Seine Informationskanäle und Informanten grenzen offenbar an die Qualität guter Geheimdienste - jedenfalls wird diese Schlußfolgerung mit zunehmender Lektüre des Buches immer mehr bestätigt. Der Untertitel »Wie der Bürger auf der Strecke bleibt« signalisiert natürlich, daß Wacket zu den Kritikern des DB-Börsenganges zählt. Deren Argumente werden in den Zeiten unverschämt ausgelebter Globalisierung und der Monopolisierung von Kapital und natürlichen Ressourcen gewichtiger, nicht zuletzt indirekt unterstützt durch eine in dieser Folge politisch mehrheitlich nach links orientierte Gesellschaft. Zu groß ist die Sorge, daß auch noch die Deutsche Bahn von »Heuschrecken« vereinnahmt wird, zu deutlich sind die Erfahrungen, daß »Privat« nicht automatisch besser sein muss, zu klar werden fünfzehn Jahre nach der Bahnreform die Unterschiede bei den Unternehmensphilosophien von DB und DB AG. Letztere hat seit ihrem Bestehen immerhin keine einzige nennenswerte eisenbahnspezifische Innovation hervorgebracht: Taktfahrpläne, Neigezüge, Drehstromtechnik, ICE und Neubaustrecken sowie vieles andere sind allesamt Kinder der alten Bundesbahn! Im Gegenteil: Beliebte Errungenschaften wie der Interregio und der Intercity wurden bzw. werden durch die »AG« abgeschafft! Und über allem steht Hartmut Mehdorn, ein kantiger, zäher und
ausgefuchster Manager, dessen wohl letztes und ehrgeiziges Berufsziel es
ist, die Deutsche Bahn AG an die Börse zu bringen und auf dem weltweiten
Kapitalmarkt mitzuspielen, denn es gibt die Napoleons noch heute, sie
heißen jetzt nur »Global Player«. Das geht nur mit System, eben mit dem
System Mehdorn, das in diesem Buch detailliert analysiert und beschrieben
wird. Und siehe da - auch Markus Wacket bestätigt in seinen Zeilen die
beschämende These, dass Verkehrspolitik in diesem Land nicht vom
Bundestag, vom Verkehrsministerium oder vom Kanzleramt gemacht wird,
sondern von einem einzigen Despoten - Hartmut Mehdorn. Dieser hat es
bislang nämlich geschafft, seine Vorstellungen und Pläne zum
Börsenprojekt »mit an Fanatismus grenzendem Elan« (Zitat Vorwort Jetzt bekommt das Ganze natürlich ein »Geschmäckle« und jetzt kommt
auch das Verdienst dieses Buches zum Tragen: Es rückt die Schwäche und
Ohnmacht unserer Volksvertreter sowie die Macht und einflußreichen
Verbindungen eines Großkonzerns in den Mittelpunkt, es stellt die
Verbündeten Mehdorns und seine Feinde vor, es entlarvt das persönliche
und strategische Netzwerk dieses heimlichen Verkehrsministers. Die neun
Kapitel Mehdorn, die Bahn und die Börse ist ein spätes, aber noch nicht zu spätes Schlüsselwerk zu den Themen Demokratie, Verkehrspolitik und Deutsche Bahn. Es sollte nicht nur gelesen werden, um vielen Freunden der Eisenbahn die politische Naivität auszutreiben, sondern auch deshalb, weil trotz aller Ernüchterung und latenten Wut zwischen den aufklärenden Zeilen herauszulesen ist, wie eine so genannte »Bürgerbahn« gestaltet sein könnte - damit eben niemand auf der Strecke bleibt, die wir in Gestalt der Schiene gerade jetzt und in Zukunft dringender brauchen denn je. Joachim Seyferth © Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Dumjahn Verlages. Über den Rezensenten |
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