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Rezensionen (14)
Huguenin, Bernard; Huguenin, François: Bw Ottbergen. Ein typisches Bahnbetriebswerk der Dampflokzeit. Mainz 1984.
Was sagt die Presse? |
Man stelle sich einmal vor, es würde dieses Buch nicht geben, die beiden Schweizer, die beruflich absolut nichts mit der Eisenbahn zu tun haben, hätten nicht im Jahr 1976 so etliche Tage in dem kleinen Dorf im Weserbergland verbracht und ihre damaligen Erfahrungen noch durch weitere Besuche vertieft. Dann würde unter der Fülle der Eisenbahnliteratur ein großes Loch klaffen: Denn niemand hätte beschrieben, wie denn überhaupt Alltag und Arbeitsabläufe in einem Dampflok-Bahnbetriebswerk aussahen. Diejenigen, die dort ihrem oft schmutzigen und schweren Beruf nachgehen mußten, hatten für Sentimentalitäten keine Zeit, jetzt, fast zehn Jahre nach dem Ende der Dampflok bei der Bundesbahn, beginnen die Erinnerungen schon zu verblassen, sind die früheren Mitarbeiter an verschiedenen Dienststellen verstreut oder in Pension. Ein solches Buch wird nicht noch einmal geschrieben werden können. Es wird nicht möglich sein, Alltag = Geschichte von bedeutenden Betriebswerken wie Osnabrück Hbf oder »verschlafenen« Nebenbahndienststellen wie Schwandorf zu beschreiben. Sicher haben die Autoren mit Ottbergen kein »typisches« Bahnbetriebswerk der Dampflokzeit erwischt, typisch war eher die mittlere Dienststelle in einer Kleinstadt mit Personenzug- und leichten Güterzugloks. Doch ist solche Beckmesserei heute müßig, wir können dankbar sein: Es gibt überhaupt eine Beschreibung! Und mit Ottbergen haben die Autoren nun sozusagen eine »Kapsel« erwischt, da sich Betriebswerk und Dorf als Voraussetzung für die Veröffentlichungen schön »herausarbeiten« ließen. Rund 110 Jahre verdankte der winzige Ort im Weserbergland seine bescheidene Bedeutung allein dem Eisenbahnverkehr und der Beheimatung von Lokomotiven, heute, nach dem Ende, ist Ottbergen wieder in die frühere Bedeutungslosigkeit zurückgefallen - für die moderne Traktion ist die Dienststelle überflüssig. Die Autoren gehen in mehreren logischen Schritten vor: Beschreibung der Geschichte von Ottbergen, regionalpolitische und technische Entwicklung des Eisenbahnnetzes zwischen Ruhrgebiet und Harz, exakte Darstellung aller Anlagen der Bahn in Ottbergen, der Alltag im Bw, zum Beispiel des Lokleiters und des Werkmeisters, mit dem Güterzug auf der Strecke. Nirgendwo sonst findet sich ein ähnlich dichtes Bild von der Komplexität aller in einem Dampf-Bw zum täglichen Ablauf gehörenden Arbeiten. Schon die Beschreibung des Lokschuppens mit allen Arbeitsplätzen und allen Werkzeugen usw. stellt heute beste Industrie-Geschichtsschreibung dar, die zehn Jahre nach dem Tag X schon nicht mehr zu rekonstruieren ist. Auf den ersten Blick mag der hohe Preis des Buches schrecken, angesichts des Gebotenen und der hervorragenden Wiedergabequalität der Fotos, die erfreulicherweise den Menschen in den Mittelpunkt stellen, ist er voll gerechtfertigt. Erst aus einem Abstand von weiteren zehn Jahren wird man den Wert dieses im wahrsten Sinne schweren Wälzers erst so richtig bewerten können. In: Eisenbahn-Revue 9 (1985) Heft 6.
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